Leandra Gamine - Romance - Cover
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Leandra Gamine Romance


  • Label: AWOMM Records/Rough Trade
  • Laufzeit: 61 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

DSDS geht in eine neue Runde und der gemeine Rezensent kann eigentlich nur den Kopf schütteln. Was soll der ganze, monatelange Lärm und Rummel um ein paar mehr oder minder gute Stimmen? Woche für Woche erstickt der arbeitende Schreiber geradezu in unbekannten, immer neuen Namen, unter welchen sich auch gerne mal ein echtes Goldkehlchen verbirgt. Aber klar ist natürlich auch, dass diese kleinen Zöglinge nie den Absatz erreichen werden, wie die Zahlen, die hinter diesen riesen PR-Sendungen laufen. Allein was bei den Fernsehsendungen vertelefoniert wird, stellt die Verkaufszahlen vieler Independent-Musiker und auch echter Szene-Größen in den Schatten. Es muss sich also niemand wundern, wenn er sein Dasein fristet, ohne den Namen Leandra Gamine (aus Berlin!) je zu kennen.

Eine echte Schande für alle anspruchsvollen Popfans, wie sich schon nach wenigen Sekunden zeigt. Eine sehr erwachsene Stimme, die die junge Frau zu Tage fördert und natürlich der stilsichere Schritt zum „Tango“, welcher in gehobenen Kreisen ja immer gut ankommt. Dann noch ein paar Morricone-Bläser einstreuen und fertig ist eine eigentlich überladene Single für so eine Newcomerin. Dass das ganze allerdings nicht als Fiasko sondern überzeugende Kunst ankommt verdankt man Sängerin und Produzent Fritz Graner, der ziemlich genau weiß, was er Leandra zumuten kann. So wird ein wenig abseits vom Mainstream herumexperimentiert und es hört sich mal nach Tango, mal nach Country oder wieder ganz anderem an, ohne, dass man sich der Pop-Wurzeln entzieht. „Nightingale (Acoustic Version)“ zum Beispiel ist im Kern glasklarer Pop, zeigt sich jedoch von einer ganz anderen Seite durch ungewohnte Instrumentalisierung und den Mut zu Indie-Stimmung, wie es die letzten Jahre beinahe nur Gemma Ray tat.

Der Titeltrack ist mehr eine Gesangsübung und überzeugt mehr mit den vielen Tonlagen, die Mademoiselle Gamine beherrscht (wobei ihre tiefen Tönen, die sichersten und bezaubernden sind). Die Elektronik lockt hingegen keinen vom Ofen hervor. Das funktionieren „echte“ Hintergründe, wie die Akustikgitarre im anschließenden „Indian Giver“ um Einiges besser. Hier wird wieder eine astreine Popnummer mit vielen Details aufgebaut, welche immer, wenn sie droht langweilig zu werden, etwas Neues einführt. Gewiss nicht der stärkste Track des Albums, jedoch ein Wegweiser für dieses ausbalancierte Album, das weiß, dass hier eine Künstlerin gerade erst geboren wird. Hier muss auch unter die Arme gegriffen werden.

Um das ganze Projekt etwas sicherer in den Hafen zu bringen, dürfen astreine Balladen natürlich nicht fehlen mit Streichern, Elektronik und Keyboard/Piano. Dazu dann eine weiterhin überraschend tiefe Stimme mit einer ordentlichen Portion Gefühl. Ein weiterer ungläubiger Blick auf das Cover. Leandra sieht doch noch aus wie ein Kind. Wo kommt diese Stimme nur her? Experimenteller wird es dann wieder mit „Key West“. Ein kleiner Sonnenschein, der brauch, bis er zündet, dann aber gfut funktioniert und sich nicht wie „Romance“ in Effekten verliert. „Spy Guy“ hingegen funktioniert für alle Pop-Fans, die James Bond mögen. Der Retro-Stil ist deutlich zu erkennen und hier wird auf nichts Anderes abgezielt, als altmodisch zu klingen.

Auch in „Evergreen“ wird sich an Chansonette-Traditionen der Vergangenheit festgehalten mit Chor im Hintergrund und einem Hauch Soul. Erst danach darf wieder eine ruhige Nummer auftreten, was beim Titel „The First Kiss“ aber auch nicht überrascht. Mit „Moonlight“ kann es dieses Elektronikgewaber aber nicht aufnehmen. Hier wird zu lange auf Elektronik und am Ende zu sehr auf Kitsch gesetzt. Aber wer hoch hinaus will, muss auch fallen. Wie nahe das beieinander liegen kann, beweist dann auch gleich „Over The Mountains“, das mit Tempo und toller Melodie zu einem der besten Stücke des Albums avanciert. Eine weitere Übertreibung ist dann leider wieder das Finale „Breaking Up In Paradise“. Das Schema ähnelt stark „The First Kiss“, aber wir drücken gerne mal ein Auge zu, den gerade im Pop-Business ist es alles andere als einfach sich heute einen richtig überzeugenden Namen zu machen.

Angesichts des eher mittelprächtigen, jedoch erfolgreichen Outputs einer Leona Lewis zum Vergleich, überzeugt Leandra mit einer abwechslungsreichen Mischung. Jetzt muss die Mission lauten, die richtige Musik für diese Stimme zu finden, auch wenn der Traum der großen Karriere leider nicht auf bloßer Qualität beruht. Vielleicht hilft ein mutiger Track wie „Tango“ ja aber doch über Umwege zum großen Glanz.

Anspieltipps:

  • Tango
  • Nightingale (Acoustic Version)
  • Moonlight

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