Hot Chip - One Life Stand - Cover
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Hot Chip One Life Stand


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Die kategorische Extremismusscheu macht das Album am Ende ein wenig fad.

Ein Schritt zurück und doch besser als die meisten: Hot Chip und ihr, für ihre Verhältnisse, durchwachsenes viertes Album. Grund hierfür ist aber nicht, wie von der Spex anhand „One Life Stand“ gerade ausgemacht, die komplette Machtübernahme der Nerds, sondern überbordende Glückseligkeit.

Oftmals ist sie der ärgste Feind künstlerischer Kreativität, und genau sie spürt, atmet, bemerkt man auf „One Life Stand“ in jeder Pore. Und genau sie ist es, die das Album letztlich abschwächt. Aber differenzieren wir nuanciert: ja, in populärer Musik hat sich längst eine protagonistische Neuform etabliert. Ob die Elektro-Pop-Maestros Hot Chip, die frickelnden Indie-Rocker Foals, der gerade schwer abgehende Bombay Bicycle Club oder die Berliner Lieblinge The Whitest Boy Alive: überall finden wir sie, die Weihnachtspullover bestrickten, bebrillten und manchmal gar zart Oberlippenbart tragenden, unschuldig aber tiefgründig dreinblickenden, intellektuellen und feinfühligen Jungs. Abtituliert als Nerds, weil sie sich nie exzessiven Extremismen hingaben, die man ihren unversehrten, nicht tätowierten Armen und noch unverbrauchten Blicken ansehen könnte. Schnittmenge ihres unterschiedlichen Oeuvres: die kluge bis raffinierte Arrangierung ihrer musikalischen Produkte, sowie ihre Extremismusscheu. Fast scheint es, als würden sich zurzeit nur noch Elektro-Pusher im Dunstkreis des Ed Banger Labels neuartig auskotzen; und alle sich selbst als hart definierenden Subkulturen in schläfriger Musealität ihre rockigen und metalligen Errungenschaften bewundern, einige wenige krumme Geier ausgenommen.

Das beeindruckende an Hot Chip aber ist ja, das sie mit diesem selbstgewählten Etikett brav kokettieren und es doch beständig konterkarieren. Besonders auf dem Vorgänger „Made In The Dark“. Zucker-Pop neben schweißtreibenden, derbbassigen, elektronischen Druckabbau, echte Liebesoffenbahrung neben doppelbödigen Sarkasmus. Der Freak im Nerd, die kunterbunte Melange des 21. Jahrhunderts. Und was aber haben wir hier? Harmoniekacke, Herzscheiße und den glücklichsten Alexis Taylor, den man wohl je gehört hat. Natürlich bleiben Hot Chip Schwergewichte des Heutzutage und ihr vorliegendes Produkt starke Musik. Aber die hier betriebene Elaboration totaler Glückseligkeit hinterlässt einen leicht flauen Magen und wird nur den gerade vollends zufriedenen Rezipienten befriedigen. In Falsetto-Gesang dargebotene „Happiness is what we all want“-Weisheit im ersten Song; großäugige „Open up my love”-Forderung in Song Nummer Zwei; beschworene Männerfreundschaftsliebe und Liebes-Ewigkeitsversprechen im weiteren Verlauf: „One Life Stand“ ist derart glücklich, dass man sich selbst fast für seine Problemchen zu schämen anfängt.

Und trotzdem: Mann, ist „Thieves In The Night“ ein toller, sich sachte aufbauender Opener; ist der Titeltrack ein unglaublich clever eingefädelter Elektro-Pop-Schnalzer; werden wir akzeptieren, dass jener Popstampfer sukzessive in beschwipst glückliches Tropicana mäandert (genau wie im übrigen auch „Slush“), weil Vampire Weekend diesen Virus erfolgreich umhergeschleudert haben; werden wir zum einzigen Dancefloor-Kracher „We Have Love“ tanzen; und uns an die Euro-Trash-Anleihen und den Vocoder auf „I Feel Better“ gewöhnen. Nur die kategorische Extremismusscheu macht das Album am Ende ein wenig fad. Entschleunigte Disko, so etwas gibt es also. An sich ja auch eine Errungenschaft. Aber das nächste Mal bitte wieder mit mehr Ecken, Kanten, Konflikten und „I’m only going to heaven if it feels like hell“-Sprüchen. Sonst könnte man gar schlussfolgern, ihr Seelenglück hänge direkt mit ihrem materiellen Erfolg zusammen.

Anspieltipps:

  • One Life Stand
  • We Have Love
  • Thieves In The Night
  • I Feel Better

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