Gorillaz - Plastic Beach - Cover
Große Ansicht

Gorillaz Plastic Beach


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 57 Minuten
Artikel teilen:
8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Welthits verpflichten. Damon Albarn will zeigen das er alles kann. Und schafft schwankenden, inhomogenen, dennoch fast kongenialen, stark HipHop-lastigen Up-to-Date-Pop.

Dabei ist zufälligerweise Werner Bootes aktueller Dokumentarfilm „Plastic Planet“ ein geeigneter Schlüssel, dem fassadenhaften, schön Comic-durchgeknallten Inszenierungsgeplänkel auf die substantiellen Schliche zu kommen. Wie da eine Regide superwichtiger und auserwählter Fachjournalisten ins Londoner Studio bestellt wird, und ohne die eigentlichen Gorillaz-Protagonisten Albarn und „Tank Girl“-Co-Autor Jamie Hewlett eine 4 Meter Hohe detailgetreue Realisierung des Plattencovers vorfindet: Eine in Atompilzantlitz gehaltene Südsee-Insel, die aus nichts, als angeschwemmten Plastikmüll besteht, und in der sich die virtuellen Gorillaz zum freimütig-leichten Leben zurückgezogen haben. Tatsächlich schwimmt, wie Boote gerade deutlich zu machen versucht, gar nicht so weit von Hawaii entfernt ein gigantischer Abfallwirbel im Meer, der aus mehreren Tonnen Plastik bestehen soll, munter das Ökosystem kontaminiert, eine Manifestation menschlicher Umweltgräuel darstellt und beweist, dass Hochseeschiffe wohl einfach generell zu allein auf offener See sind.

Aus dem waste unserer Kultur, so die Quintessenz, recyclen die Gorillaz also all ihr Pop-Potpourrie als widerspiegelnde Metapher unseres gesellschaftlichen Daseins. In den USA hat Albarn mit seiner Gorillaz-Phantasterei himmelhoch jauchzend mehr verdient, als mit all seinen Blur-Hits. Nette Spitze. Ob diese metaphorisch plastischen Hinterlassenschaften tatsächlich die letzten der Gorillaz sind oder zukünftige Comeback-Gelüste zu verlockend sein werden, wollen wir gar nicht näher beleuchten. „Plastic Beach“ ist auch so ein Album mit Themen genug.

Zum Beispiel, wie es trotz meisterhaften Einstiegs nicht zum Meisterwerk langt. Wie im gesamten Verlauf überschwemmt nach einem kurzen Intro definitiv unvorhergesehenes die gespannte Erwartungshaltung: der lässigste, desinteressierteste, schlaffste und bekiffstete Larifari-Snoop-Dogg den man seit Ewigkeiten gehört hat, heißt uns da Willkommen auf diese krude Beach-Party, voller Synthie-Pop und tröpfelnder R’n’B-Bässe. „Rhinestone Eyes“ und die formidable Single „Stylo“ sind frühe Höhepunkte auf „Plastic Beach“; einmal mit Albarns hypnotisierender Pop-Ästhetik, einmal mit Mos Def’s Nuschel-Raps und den Interventionen des fast vergessenen Soul-Crooners Bobby Womack (dessen Tochter ihm angeblich die Anfrage mit den Worten „Dad, die sind unglaublich, du musst das machen!“ schmackhaft machen musste, weil er keinen Schimmer hatte, wer die Gorillaz sind).

Danach, aber, werden in der Gefühlsachterbahn fiese Dellen eingebaut: „Superfast Jellyfish“ torpediert beabsichtigt die zuvor etablierte Großartigkeit, mit einem Schabernack geringerer Halbwertszeit, wie um den erneut beteiligten De La Soul einen Anti-Song zu ihrem und Albarns Weltkracher „Feek Good Inc.“ vor fünf Jahren zu gewähren. Ab hier, jedenfalls, gerät der Motor ins stocken, auch wenn „Empire Ants“ versöhnlich endet, auch wenn die Beats auf Mark E Smith’s Beitrag „Glitter Freeze“ definitiv fett sind, auch wenn man noch so angenehm überrascht wird von einem quasi iggy-esken, albernen, schelmigen Lou Reed auf „Some Kind Of Nature“. Ich musste schon drei Mal hinhören, um tatsächlich zu glauben, dass es Lou Reed ist, der da lapidar liebe zu Plastik gesteht. Die Wendungen, die Art, wie Albarn seine Prominenten Kollaborateure einzusetzen versteht, ist schlicht großartig, keine Frage. Aber die Tropicana-Penetration auf „Melancholy Hill“, Kalkül hin oder her, nervt einfach nur auf Dauer. Auch hat „Broken“ keinen stimmigen Platz im Mosaik-Werk gefunden und entfaltet fremdkörperartige Wirkung.

Schonungslos weiter geht es mit dem Auf und Ab: das in den USA gerade schwer angesagte Hypnotic Brass Ensemble und wieder Mos Def in Topform dürfen so richtig, ohne schrille Kostüme, Gaga sein auf einem der aberwitzigsten und abgefahrensten Tracks des Jahres. Schön auch, dass sich die erste gemeinsame Studioarbeit von Mick Jones und Paul Simonon seit den letzten The-Clash-Tagen gleich anschließt und den heimlichen starken Abschluss von „Plastic Beach“ bildet, fallen die letzten drei Songs doch deutlich hinter dem zuvor Gestalteten ab; wieder: trotz Womacks schönem Soul, und trotz kokainverseuchter Synthie-Stoigkeit auf dem Closer.

Alles in allem bilden moderne Synthie-Klangteppiche eine Brückenfunktion über die verschiedenartigsten Ausflüge hinweg und erweist sich die Homogenität des Fassadenkonzepts gleichrangig gut durchdekliniert, wie bei anderen Konzeptalben für die Ewigkeit, wenn Lou Reed sich an Plastikwelten erfreut, De La Soul kontaminierten Jellyfish anpreisen oder Snoop Dogg diese neue Welt zum shizzeln geil findet. Vielleicht, aber, muten uns die Gorillaz schlicht zu viel zu. Minus des Intros, finden sich 15 Songs auf ihrem dritten und angeblich letzten Album. Auch wenn keiner direkt schlecht ist, dafür ist Albarn ein viel zu krass guter Musiker, sind drei, vielleicht vier davon der Grund, weshalb „Plastic Beach“ den Meisterwerk-Status knapp verfehlt.

Anspieltipps:

  • Sweepstakes (feat. Mos Def & Hypnotic Brass Ensemble)
  • Rhinestone Eyes
  • Stylo (feat. Mos Def & Bobby Womack)
  • Some Kind Of Nature (feat. Lou Reed)
  • Plastic Beach (feat. Mick Jones & Paul Simonon)
  • Welcome To The World Of the Plastic Beach (feat. Snoop Dogg & Hypnotic Brass Ensemble)
Neue Kritiken im Genre „Pop“
Diskutiere über „Gorillaz“
comments powered by Disqus