Peter Gabriel - Scratch My Back - Cover
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Peter Gabriel Scratch My Back


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Dorsum radere oder besser bekannt als der Akt des Rückenkratzens ist eine wohltuende, wenn auch durchaus intime Angelegenheit, die man nicht jedem x-beliebigen Menschen überlässt. Ein sehr guter Freund sollte es schon sein, einer bei dem die Vertrauensbasis voll ausgeprägt ist. In diesem Fall kann das gegenseitige Rückenkratzen zu einer Art Mutualismus werden. Scratch my back and I'll scratch yours. Peter Gabriel bittet um diesen Gefallen und bietet gleichzeitig seinen Dienst an, nur wird hier die Reihenfolge der Handlungen vertauscht. Die metaphorische Ebene verlassend heißt dies, dass Herr Gabriel die Songs von anderen Künstlern neu interpretiert (beachte: neu interpretieren ist ungleich covern), wenn jene auch seine Songs in die Werkstatt nehmen.

Acht Jahre haben wir auf den Nachfolger von „Up“ gewartet und das soll er jetzt sein? Ein Coveralbum?! Wieder nichts mit neuer eigener Musik des ex-Genesis Sängers. Na ja, Gabriel wäre nicht der hoch geachtete Künstler der er ist, wenn er auch bei solch einem Projekt nicht seine eigene Herangehensweise hätte. Die zwölf Stücke werden total reduziert, alles unnötige einfach weg. Gitarren - braucht keiner. Schlagzeug - viel zu aufdringlich. Was übrig bleibt sind sehr minimalistische Kompositionen, die zwar mit einem Orchester versehen wurden, aber meist sehr leise und dezent. Gefühle stehen hier an erster Front, sie sind es, die besonders herausgearbeitet wurden. Neues Blut für alte und neuere Lieder - suggerieren uns jedenfalls die roten Blutkörperchen auf dem CD-Cover.

Was hier ans Ohr dringt ist der intime Kern der Songs und der von Gabriel selbst. Seine charakteristische leicht kratzige Stimme führt uns sanft, nachdenklich und voller Melancholie von Lied zu Lied, ob nun vom Piano, Streich- oder Blasinstrumenten begleitet. Das gesamte Album bleibt diesem Stil treu, es ist eine absolute Einheit und damit erübrigt sich auch die Suche nach den Parallelen zu den Originalversionen der Lieder. Denn diese sind, abgesehen von den Gesangsmelodien, auch kaum vorhanden. Drei Songs fallen dank der etwas mutigeren Orchestrierung auf, zum einen die epischen „Mirrorball“ und „My Body Is A Cage“, die sogar aus dem üblichen pianissimo bis zum mezzoforte vordringen, zum anderen „Apres Moi“ mit einer sehr Spannungsgeladenen, geradezu dramatischen Instrumentierung. Sehr beeindruckend ist auch der in Radioheads „Street Spirit (Fade Out)“ voller Wehmut klagende Gabriel, dessen Stimme in einer Passage sogar bricht. Besonders wohlklingend sind „Flume“ und auch „The Book Of Love“.

In jedem Song gibt es etwas zu entdecken: Arrangements, Melodien oder Gefühle. Die Vorsichthaltung gegenüber einem Coveralbum kann hier getrost über Bord geworfen werden. Es klingt einfach nicht nach einem. Trotzdem wird die Platte vielen Gabriel-Hörern oder sagen wir vor allem Pop-Hörern nicht gefallen, ob nun wegen der fehlenden typischen Instrumentierung oder der ruhigen, sehr klassischen Ausrichtung. Wer sich für eine unglaublich gefühlvolle, die Stimmung der Texte präzise wiedergebende Stimme von Peter Gabriel begeistern kann, wird dieses Album sein eigen nennen. Mit solch einer künstlerischen Großtat feiert der Brite seinen 60. Geburtstag. Bleibt nur abzuwarten wie mutig die hier interpretierten Künstler mit den Liedern von Peter Gabriel umgehen werden.

Anspieltipps:

  • The Boy In The Bubble
  • Flume
  • My Body Is A Cage
  • The Book Of Love

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