Jaguar Love - Hologram Jams - Cover
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Jaguar Love Hologram Jams


  • Label: Fat Possum/SOULFOOD
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Keine Grenzen. Hat uns das die grandiose Seattler Post-Hardcore-Punk-Band The Blood Brothers nicht erfolgreich ins Kleinhirn geprügelt, bevor sie sich vor drei Jahren auflöste? Warum also wird Johnny Whitneys Nachfolgeprojekt in der web-Blogosspähre mehr Ablehnung, als Sympathie zu Teil, wo diese Maxime doch bei Jaguar Love nur noch tiefer eruiert wird. Es scheint fast, als würde die Kompromisslosigkeit und Konsequenz von Jaguar Love ihrer Zeit und damit allgemeinem Verständnis vorauseilen. Kreischen, sich auskotzen, Druck ventilieren, dem inneren Wahnsinn einen adäquaten Ausdruck geben: warum dürfen solche Anliegen nur in dafür vorgesehenen, streng abgesteckten, subkulturellen Grenzen stattfinden? Entweder Punk, entweder Hardcore, entweder Prügel-Techno. Niemals, nein niemals, kann eine Melange aus allem irgendwie echt sein, denn dies hätte ja zur Konsequenz zu akzeptieren, dass die Schnittmenge aus diesen für manche heiligen Andersartigkeiten Pop ist. Und Pop ist ja der Feind. Die alte Leier also von früher so harten Burschen, die jetzt gehörig vor den Kopf hauen. Es gilt Farbe zu bekennen: Jaguar Love und ihr zweites Album sind irritierend schön.

Wie soll man diesen Krach nur nennen? Diesen aberwitzigen, bescheuerten, manischen, dreisten, gewagten, berauscht zurücklassenden, mit zentimeterdicker Popglasur versehenen Krach? Ist das noch Dance-Punk? Experimental Rock? Synthie-Wave? Den Erstling und seine herausinterpretierbaren Indie-Rock-Anleihen und rudimentären Blood Brothers-Ansätze überbietet es um überbordende Welten. So viel steht fest. Auch von der Bandstruktur des ersten Albums ist nicht mehr viel geblieben. Wie in einem langen Findungsprozess nach dem Blutsbrüder-Split, sind jetzt nur noch Johnny Whitneys Kreischstimme und Cody Votolatos, „Jaguar“ genannte, Gitarre verblieben. Den Rest machen Drumcomputer und mindestens zehntausend Synthies. Wer am Werdegang der Blood Brothers, von prügelnder Pennetration zu immer mehr Eingängigkeit und virulent ansteckender Hymnik, keinen gefallen fand, wird freilich auch bei dieser Synthie-Krach-meets-Pop-Pille am liebsten Mageninhalte ausspeien gehen.

Wer sich der Ambivalenz von U-Musik aber bewusst genug ist, um augenscheinliche Unvereinbarkeiten zuzulassen, den wird „Hologram Jams“ einigermaßen aus den Socken werfen. „I Started A Fire“ und „Polaroids And Red Wine“ gehen so stark ins Ohr, sind so sehr gleichzeitig Pop und ungenießbarer Krach, dass sich selten verstörte Desorientierung breit macht. Wie soll man das nur nennen? Und wie nur finden? Ich behaupte, es ist ein Gewinn, wenn die eigenen Kategorien derart brutal auf die Probe gestellt werden. Leider, das einzige Manko von „Hologram Jams“, kann das Niveau des wahnwitzig herrlichen Einstiegs nicht dauerhaft gehalten werden. Aber mit dem shaker „Up All Night“, der Achterbahnfahrt „Jaguar Warriors“, dem Kitschschunkler „Evaline“ und einem manisch brüllbaren Janis Joplin-Cover zum Schluss, wartet „Hologram Jams“ noch mit genügend gekonnten Irritationen auf, um nichts anderes als saustark zu sein.

Das Zweitwerk von Jaguar Love ist wie eine starke Droge: unter den falschen Voraussetzungen genommen, geht es derbe in die Hose, stimmen aber die surroundings gibt es einen Trip sonder gleichen, der keine Grenzen kennt.

Anspieltipps:

  • I Started A Fire
  • Polaroids And Red Wine
  • Up All Night
  • Piece Of My Heart

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