Kashmir - Trespassers - Cover
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Kashmir Trespassers


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Was war das, als Radiohead nach vier Jahren ihr neues Album herausbrachten? Dieser ungehörige Druck, der auf den englischen Großmeistern lastete. Und dann nur zehn Lieder? Am Ende war es ein versöhnliches Album, das zurück zu alten Tugenden führte, ohne nach Wiederholung und Wiederkäuung zu klingen. Ihr bestes Album lieferten die Macher von „OK Computer“ jedoch nicht ab. Jetzt sind es die dänischen Musikgurus von Kashmir, die sich knapp viereinhalb Jahre ließe, um das neue Werk „Trespassers“ ins Leben zu rufen. Lange Pause und Zeit zum Nachdenken, wie damals nach „The Good Life“. Damals entstand ihr wohl bisher rundestes Album „Zitilites“. Was bietet das wieder neue Kashmir diesmal? Eine weitere Entwicklung oder den Weg zurück zum Glück? Fünf Jahre Pause bringen auf jeden Fall jede Menge Gesprächsbedarf mit sich.

Die Vorabsingle, welche gleichzeitig „Trespassers“ eröffnet, nennt sich „Mouthful Of Wasps“ und so unangenehm wie der Titel klingt, gibt sich auch der Song selbst. Dieser Track will nicht auf Anhieb geliebt werden. Er gibt sich kühl und berechnend und spielt mit Gegensätzen. Der Chorus ist kein üblicher Guss für die Ohren, sondern bedient sich kalter Synthesizerklänge, was vor und nach dem Refrain jedoch immer wieder zu Nichte gemacht wird. Besonders in den vielen Zwischenteilen, die dem Lied trotz einfachem Faden immer neue Facetten geben, kann man trotz der Kälte dank Glockenspiel und Akustikgitarre einen Charme ausmachen, der anziehend und distanziert zugleich ist. Das ist gut. Das ist sogar sehr gut, aber die Gewöhnungszeit ist auf jeden Fall vorhanden. Seit „No Balance Palace“ ist man wieder einen großen Schritt gegangen. Weg von schrammelnden Gitarren zum glockenklaren Spiel der kleinen Details. Hier wird im großen Stil gekleckert.

Dieser Stilwechsel wird konsequent durchgezogen und scheint sich als Leitfaden wirklich durchzusetzen, wie das anschließende „Intruder“ zeigt. Ähnlich eines „Uprising“ von Muse, gibt sich das Lied sehr linear und setzt darauf, das einfache Gerüst alle 30 Sekunden, um ein weiteres Element zu bereichern. Das funktioniert, sorgt aber auch noch nicht für den großen Aufschrei. Überschäumende Euphorie ist überhaupt schwer vorstellbar, wenn goldige Melodien wie „Petite Machine“ oder „Ruby Over Diamonds“ auszufallen scheinen. Dann trifft es den Hörer jedoch wie der Blitz, wenn „Mantaray“ aus den Boxen tönt. Hier scheinen alten Stärken der Band durch, jedoch in neuem Gewand. Verzweifelt versucht der Hörer die genial einfachen Akkorde einem alten Stück zuzuordnen, doch wer zu lange brauch, wird vom bombastischen Krachmacherrefrain überrannt, welcher für den nötigen Kick und Kontrast der besonderen Art sorgt.

Beinahe um die zarter besaiteten Fans zu schonen, folgt mit „Pallas Athena“ ein Klangweltenausflug der instrumentalen Art. Hier wird mit Computerstimme zu rein elektronischer Hörlandschaft gesäuselt. Auch wenn das Ende mit Klavier und Psychedelic punktet, ist „Pallas Athena“ wirklich nur als Ruhepause zu betrachten. Weiter geht es erst mit „Still Boy“, welches einen weiteren schmalen Grad meistert. Der Track versucht sich aus dem bisher gebrauchten Klanggewebe zu entfernen und erdiger zu klingen. So geht der Eindruck des perfekt gemixten Klanges nicht zerstört, aber nur so kann ein Ohrwurmchorus funktionieren. Dort explodiert die Band und liefert ein liebliches Gefühl, wie zuletzt bei „Kiss Me Goodbye“, welches inzwischen elf Jahre alt ist. Allerdings ist dieser Track Lichtjahre weiter und gereifter. Die Verspieltheit sorgt jedoch dafür, dass, wer das Album bisher zu abweisend statt melancholisch fand, in vollen Zügen genießen kann.

Dieses fantastische Niveau kann „Bewildered In The City“ nicht mehr ganz halten. Der über sechs Minuten lange Track weist zwar hier und da fantastische Momente auf, kann aber nicht über die volle Laufzeit für Staunen sorgen. So verfolgt Kashmir auch weiterhin der Fluch der guten Tat oder besser: der guten Alben, die sie schon herausgebracht haben. Im Vergleich auf dem weiten Musikmarkt kann sich der Brocken aber immer noch mit jedem messen und muss sich nicht verstecken. Alleine für die große Portion Pathos, mit der sich die Dänen versuchen in die Herzen der Fans zurückzuspielen verdient Anerkennung und ist auch weiterhin eine super Leistung. Stärker wirken sie unter neuer Direktive aber, wenn Dynamik und nicht bloß Steigerung in den Tracks liegt. So versteht dank superber Atmosphäre nach einer guten Minute, warum „Pursuit Of Misery“ seinen Namen verdient hat. Düstere Gitarrengewitter und Mollklänge, wie sie sonst nur Joycehotel hervorzaubern konnten.

Jetzt sind wir also auch wieder am Anfangsrezept angekommen. Distanzierte Tracks, die den Hörer anziehen und abstoßen. Gefangen in diesem paradoxen Wirken der Kräfte ist man fasziniert, auch wenn es vielen schwer fallen wird, dieses Album zu lieben. Dasselbe Schicksal, wie es „In Rainbows“ von Radiohead erfahren musste. Hoch geachtet und doch kein Liebling. Ein weiteres gutes Beispiel für diese Eindrücke ist „Time Has Deserted Us“. Mit welcher Beharrlichkeit dieser Song auf Distanz bleibt und dann eine Grundmelodie liefert, die sich nicht entscheiden kann, ob sie melancholisch oder depressiv klingt. Jeder Hörer wird etwas Anderes heraushören und auch wenn dafür die alten Hymnen verloren gegangen sind, ist dieser Entwicklungsschritt mehr als nachvollziehbar und dabei noch gut umgesetzt.

Schwärmen dürfen alle Vertreter der Traurigkeit nach „Bewildered In The City“ noch zu „Danger Bear“. Dieses Lied ist schon ein großes Lebewohl und vielleicht ist es auch dieses Wissen und ein flüchtiger Blick auf die Uhr. Eine Dreiviertelstunde – auf die man mehr als vier Jahre gewartet hat – nähert sich ihrem Ende. Und das so schön, dass Gänsehaut nicht ausbleibt. Warum jetzt nicht Schluss machen? Da gibt es gleich mehrere gute Gründe. Wenn man so lange wartet, will man auf keine Minute verzichten und zehn Lieder (minus „Pallas Athena“) sind so schon wenig genug. Außerdem wären Kashmir nicht Kashmir, wenn sie nicht noch mal auf ihren Stilwechsel beharren würden.

„The Indian (That Dwells In His Chest)“ ist ein weiterer großer Bruder des Openers und ein weiteres gelungenes Exemplar der paradoxen Klangweltmonster, die Kashmir hier geschaffen hat. Mal anschmiegend, um im nächsten Momenten Töne wie Eis auszustrahlen. Eine ungewöhnliche und für viele nicht angenehme Mischung, aber was tut man nicht alles für die Kunst? Kashmir haben mit „Trespassers“ ein erwachsenes Werk herausgebracht. Auch wenn auf den ersten Blick die Experimente den Ton machen, erkennt man immer mehr Muster beim Wiederhören. Dieser Wert der Widerverwendbarkeit wird zwar nicht dafür sorgen, dass das Album dauerrotiert – dafür ist es zu wenig auf Ohrwürmer ausgelegt und in seiner Stimmung zu komplex – aber jedes Mal, wenn die Platte sich dann dreht, ist Langeweile ausgeschlossen.

Anspieltipps:

  • Mantaray
  • Still Boy
  • Pursuit Of Misery

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