Autechre - Oversteps - Cover
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Autechre Oversteps


  • Label: Warp/Rough Trade
  • Laufzeit: 72 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Nach Beiträgen auf der von Warp Records ins Leben gerufenen Compilation-Reihe „Artificial Intelligence“ debütierte das britische Duo Autechre im Jahr 1993 mit dem Album „Incunabula“ auf eben diesem überaus prägenden Label. Recht klare Strukturen lieferten eine Idee davon, was in den letzten Jahren als Minimal Techno abgefeiert wurde. Vom darauf folgenden „Amber“, bei dem flächige Ambient-Sounds, verspielte Melodien und abstrahierte Beats die ruhigere Seite Autechres offenbarten, bis hin zum letzten Werk „Quaristice“ (2008) vergingen 14 Jahre, die Sean Booth und Rob Brown nutzten, um immer wieder ihre eigene Form von elektronischer Musik zu finden, zu hinterfragen und wieder neu zu strukturieren.

Noch am ehesten mit ähnlich großen Namen wie Squarepusher sowie Aphex Twin in Verbindung zu bringen, ist es doch ein eigener Kosmos, der auch nicht hinreichend mit der zeitweise populären Bezeichnung IDM (Intelligent Dance Music) zu greifen ist. Mit „Dance“ kann im Sinne von Autechre auch weniger die physische als die psychische Komponente gemeint sein. Eher ein Tanz der Gedanken, der Illusionen und der im besten Falle grenzenlosen Vorstellungskraft, den auch der neue Longplayer „Oversteps“ präsentiert. Nach der doch relativ überfordernden, wenn auch mit ihren Stärken im Free Jazz der Electronica wohl dosiert mitreißend, letzten Platte nun eine Rückbesinnung auf schlichtere Songstrukturen, die einen selbstredend immer noch enorm beanspruchen.

Doch allein schon das nach knapp 30 Sekunden Stille mit dem aus der Ferne strahlenden Klang eines dunkel pochenden wie Gänsehaut erzeugenden Echos eröffnende „r ess“ ist trotz seiner Abstraktion im kaum zu fassenden Rhythmus-Gefüge eine echte Wonne. Während „ilanders” deutlicher auf Breakbeats setzt und damit endgültig den Fixpunkt initiiert, dem Album als aufgeschlossener Electronica-Liebhaber zu verfallen, ist dank “Treale” der Bann in Richtung tanzbarem Beat entfacht. Verschiedene Melodie-Richtungen werden durch markante Synthesizer-Sounds zu einer sprudelnden Quelle lustvoller Elektronik vereint, um nur noch vom konsequent druckvollen Leitlupen-Bass umrundet zu werden.

Wie beim britischen Gespann in regelmäßigen Abständen festzustellen, ist es nach einigen Hördurchgängen um den Hörer geschehen und die Achterbahnfahrt der Gefühle, der Melodieläufe, der immer auf´s Neue zusammengeführten Beats, Synthesizer-Flächen und mannigfaltigen Sounds kann nach 72 Minuten von vorn beginnen. Schließlich will auch “Oversteps” entdeckt werden, ja ist es doch gerade der Schlüssel zur Schatztruhe auf dem britischen Eiland, die dort seit 1992 ständig neu poliert und bestückt wird. Eine Ohrenweide oberster Güte, die keinen akademischen Titel braucht, um Zugang zu ihr zu finden, auch wenn die abstrahierten Songtitel und eben auch die Musik vorerst darauf schließen lassen. Kompliziert ist hier weniger als es den Anschein macht, sondern verspielt und erobernd bis ins Mark. Ganz so, als wenn die Maschinen atmen, ihr Eigenleben zur Schau tragen, behutsam gelenkt von Autechre.

Anspieltipps:

  • ilanders
  • qplay
  • Treale
  • d-shoqub

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