Schiller - Atemlos - Cover
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Schiller Atemlos


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 78 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Konventionelle Klanglandschaften, die alle glücklich machen sollen.

Seit nunmehr 12 Jahren klimpert es nach allen Regeln des New-Age-Ambientes und Global Pops: das Musikprojekt „Schiller“. Wer damals aufgrund der Glocken versucht war, an instrumentale Neuinterpretationen der alten Klassiker zu denken, hat Christoph von Deylen falsch eingeschätzt. Der 40jährige Musiker ist inzwischen weg von der einsamen Klangwelt und lädt sich regelmäßig Gäste ein, die seine Werke mit Gesang unterstützen dürfen und auch müssen. Was hinter diesem Satz steckt, wird jetzt noch nicht verraten. Anstatt dessen darf sich der Hörer in spe die Hände reiben und hoffen, dass alte Café del Mar-Platten vor Schillers neuem Werk erzittern müssen.

Vorab war eine Auswahl aus 13 Liedern bekannt und auch, wenn sich im Endeffekt noch einige Lieder hinzufügten, bekommt man vom Promo-Paket schon den richtigen Einblick auf das Endergebnis. „Tiefblau“ will noch leicht an alte Zeiten erinnern, auch wenn es hier bei weitem minimalistischer und weniger pompös zur Sache geht, als früher. Diese Dezenz hat ihre Gründe. Nicht mehr der Klang aus dem Computer macht den Ton, sondern das drum herum. Mit seinen 40 Lenzen scheint Deylen es endgültig satt zu haben, allein zu arbeiten und doch will er sich nicht allzu sehr in seine Elektronika-Spielereien hineinpfuschen lassen. Schon sind wir beim großen Dilemma angekommen. Lauter Gäste besingen und besummen Schillers Soundkonstrukte und damit das alles passt und nicht aufeinander gepappt wirkt, muss die Musik sich dem Gesang anpassen.

Das Resultat sind sehr konventionelle Klanglandschaften, die Schiller da zu Tage fördert, damit alle glücklich sind. Alle Glücklich? Ist das Ergebnis denn wenigstens Ambiente-Pop internationaler Klasse? Nun, schlecht sind die Tracks allesamt nicht, aber atemlos ist man auch wieder nicht. Anstatt dessen wirken die Lieder auf die Dauer sogar langatmig, weil es an Kontrast und Vielfalt mangelt. So darf man zwar routinierte Kunst bewundern, die sich allerdings jeglichem Neuland verweigert und in das Chartgefilde abdriftet. Hier und da mag manch Hörer interessante Rhythmen und gekonnte Minimalansätze ausmachen, was auch gar nicht geleugnet werden soll, doch der große Wurf, so wie neue Wege sind diesmal nicht gelungen bzw. wurden nicht begangen.

Es scheint ein wenig weit hergeholt, doch als Referenz für den Ansatz dieses Albums schaut man sich vielleicht einmal das neue Gorillaz-Album „Plastic Beach“ an. Damon Albarn mischt seine Retro-Pop-Ideen mit allen erdenklichen Einflüssen und Stimmen und erschafft einen Klangkosmos, der wieder und wieder erforschungswürdig scheint. „Atemlos“ dagegen gibt sich für sein Genre zu homogen und verrät sich mit zwei oder drei Tracks. Alles scheint gesagt und keine großartigen Überraschungen sind zu erwarten. So wird das Album seinen Erfolg auch weniger aufgrund der Musik, als aufgrund der Stimmen feiern. Und diese allzu soften Stimmen, die durchweg Begleitung sind, werden sich schnell genug als kurzlebig erweisen. Das subtile Element scheint dem Herrn von Deylen schlichtweg abhanden gekommen zu sein.

Anspieltipps:

  • Tiefblau
  • Always You
  • Under My Skin

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