The Hirsch Effekt - Holon : Hiberno - Cover
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The Hirsch Effekt Holon : Hiberno


  • Label: Midsummer/CARGO
  • Laufzeit: 57 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
7.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Starke Momente sind in den fast 60 Minuten des Erstlings rar gesät und für einen roten Faden wird gelegentlich ein GPS benötigt.

„Rahel Hirsch war 1913 die erste Frau, die im Königreich Preußen zur Professorin für Medizin ernannt wurde. Die von ihr entdeckte Durchlässigkeit der Schleimhaut des Dünndarms für großkorpuskuläre Partikel in die Nierenkörperchen und die anschließende Ausscheidung mit dem Harn wurde nach ihr Hirsch-Effekt benannt“ weiß der zweite Band der jüdischen Chronik des deutsch-schweizerischen Religionswissenschaftlers und Publizisten Michael Kühntopf zu berichten und in Anbetracht der Tatsache, dass es sich beim deutschen Trio The Hirsch Effekt um eine durchgeknallte Indie-Truppe handelt, die jedes erdenkliche Genre, das auf Krach und Lärm spezialisiert ist, auf ihrem Debüt „Holon: Hiberno“ unter einen Hut gebracht hat, will man den Grund für den direkten Zusammenhang gar nicht hinterfragen, da die Musik einfach zu viel Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und abseits der dissonanten Klänge, Schreiattacken und aufgestauten Wut eher die Frage nach dem „Was soll das alles?“ obsiegt statt wissen zu wollen, wieso Nils Wittrock (Gesang, Gitarre) Ilja Lappin (Bass) und Philipp Wende (Schlagzeug) ihren sonischen Orkan nach einem medizinischen Vorgang im Dünndarm benannt haben.

In „Vituperator“ gibt es dann bereits die erste Antwort: „Weil es egal ist“ wird aus voller Kehle geschrieen, während ein The Fall Of Troy ähnlicher Postcore meets Screamo-Vulkan durch den Äther bläst und den Hörer nicht nur einmal durchbeutelt, fallen lässt, auffängt und erneut herumschleudert lediglich um ihn davon abzuhalten über die aus den Boxen brechende Apokalypse eingehender nachzudenken, denn im Vergleich zu den mittlerweile aufgelösten Post Hardcore-Jünglingen aus Washington fehlt es The Hirsch Effekt oftmals an packender Dramaturgie und Substanz. Es werden zwar pausenlos Referenzen von At The Drive-In, The Mars Volta, The Red Chord, Kante, Radiohead oder sonstigen Bands aufgegriffen, doch die Mischung aus Noise, Punk, Metal, Electro, Progressive, Pop und deren unterschiedlichste Derivate will nicht von einem Rädchen ins nächste greifen, sondern mäandert zu großen Teilen wahllos vor sich hin.

Starke Momente sind in den fast 60 Minuten des Erstlings rar gesät und für einen roten Faden wird gelegentlich ein GPS benötigt, doch alles in allem muss der Truppe zugute gehalten werden, dass Stücke wie „Epistel / Calmo“ oder „Zoetrop“ (gerade weil aus Deutschland) einen erfrischenden Anarchismus versprühen, der nicht das ganze Album über gehalten wird, aber selbst im Ansatz waghalsiger anmutet als viele andere Bands im deutschsprachigen Raum und The Hirsch Effekt wohl eine dieser Gruppierungen sind, die ihre wilde Achterbahnfahrt aus Streichern, Kammerchor und z.B. Grindcore erst nach und nach perfektionieren müssen, bevor ein durchgehend beeindruckendes Machwerk das Licht der Musikläden erblicken darf. Mit „Holon: Hiberno“ ist zumindest schon mal die Richtung und der Kraftstoff vorgegeben, jetzt fehlt nur noch das passende und besser abgestimmte Fortbewegungsmittel.

Anspieltipps:

  • Zoetrop
  • Vituperator
  • Epistel / Calmo

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  • 2017    
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