North Atlantic Oscillation - Grappling Hooks - Cover
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North Atlantic Oscillation Grappling Hooks


  • Label: K Scope/EDEL
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Intros sind fast immer überflüssig, meist sind auch diese kurzen Intro-ähnlichen Lieder nicht das Gelbe vom Ei, aber „Marrow“ ist eine klare Ausnahme. Das Album fängt so harmlos, ja fast schnulzig an, bevor ein pumpendes Schlagzeug einsetzt und die Post abgeht. Dieses gezielte in die irre führen des Hörers, einen falschen ersten Eindruck vermitteln, ist dem Duo aus Schottland grandios gelungen. „Grappling Hooks“ heißt das erste vollständige Werk von North Atlantic Oscillation, deren musikalische Reise im Jahre 2005 begann und bereits eine EP „Callsigns“ zu Tage befördert hat. Der Bandname steht eigentlich für die Druckverhältnisse zwischen dem Norden und dem Süden des Nordatlantiks und beschreibt damit die Stärke der Westwinde, die großen Einfluss auf das Klima in Europa haben. Mal schauen ob auch die Band das musikalische Klima in Europa beeinflussen wird.

Kontraste sind ein beliebtes Arbeitsmittel von Sam und Ben. Ein zartes Stimmchen, schräge Elektrotöne, rockige Gitarrenklänge und ein manchmal verzerrtes Schlagzeug prallen aufeinander und vermischen sich in immer wieder anderen Modifikationen. Manchmal ändert sich relativ abrupt der Charakter eines Songs und das sogar mehrere Male kurz nacheinander. North Atlantic Oscillation sind unberechenbar, sie machen Elekto-Prog, der aber nichts mit dem Stil von Archive zu tun hat. Auf „Grappling Hooks“ gibt es keine Melancholie, auch keine langsamen Klanglandschaften, denn das Tempo ist deutlich höher und alles wirkt ein wenig zappelig und unkonventionell. Verrückterweise sind trotzdem gewisse Pop-Rock Strukturen in den Liedern auszumachen, nur braucht es schon einiges an Zeit, um jene zu erkennen.

North Atlantic Oscillation haben sich einen eigenen, einzigartigen Stil herausgearbeitet, der zu gleichen Teilen Elektronic der Marke Aphex Twin und Squarepusher mit Space-Rock von Pink Floyd und vielen anderen vermengt. Sie schreiben aber trotzdem Songs und keine acht-Minuten Wälzer. Einen gewissen Pop-Beitrag liefern die prägnanten Gesangslinien, die aus dem Chaos, wie es anfangs auf einen wirkt, heraus stechen und einen Kontrapunkt zur Musik setzen. Von Refrains kann man bei der musikalischen Vielfalt nicht wirklich sprechen. Diese Melodien helfen dem Hörer sich anfangs zu orientieren und geben einen Fixpunkt, der ihn dazu bewegt die Musik erneut zu hören, um sich immer tiefer rein zu versetzen, Stück für Stück mehr zu verstehen. In meinen Ohren sind das die im Titel angekündigten Enterhaken, die es erlauben den Ballon zu erklimmen, der für die Musik der Schotten steht. Am Ziel angekommen genießt man die prachtvolle Aussicht.

Das Album sollte als Ganzes konsumiert werden, doch heben wir beispielhaft hervor, was tatsächlich auffällt. Ein Song, der sich anhört wie er heißt und einen unerwarteten Saxophonbeitrag enthält („Audioplastic“), ein herrlich verrücktes und Gesangloses Kunstwerk, das alle Erwartungen auf einen Rockausbruch zunichte macht („Star Chamber“) und eins, das jene erfüllt uns sich wunderbar aufschaukelt („77 Hours“) sowie ein über die fast volle Distanz ruhiger Abschluss („Ritual“). Ein sehr innovatives Werk ist den Herren aus Edinburgh gelungen und ein schönes, wenn es denn verstanden wird. Ich für meinen Teil habe „Grappling Hooks“ immer noch nicht ganz erschlossen. Vielleicht schafft ihr es ja?!

Anspieltipps:

  • 77 Hours
  • Audioplastic
  • Star Chamber
  • Ritual

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