The Ocean - Heliocentric - Cover
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The Ocean Heliocentric


  • Label: Metal Blade/Sony Music
  • Laufzeit: 51 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Bienenschwarm. Unruhe. Düstere, oszillierende Sampleschleifen. Noch mehr Unruhe. Zaghafte ins Dunkel tretende Gitarrenklänge. Beruhigung. Vertrackte Instrumentalparts übernehmen die Kontrolle, während eine sanftmütige Stimme sich in die Gehörgänge schmeichelt um plötzlich einem wütenden Ausbruch Platz zu machen, der sogleich schreiend und grollend um sich schlägt, bis er von der anfänglich so besonnenen Stimme wieder zur Ruhe gebracht wird. Das Dunkel wird erneut zum Licht, gebannt durch ein zartfühlendes Intermezzo aus Gitarre, Schlagzeug und Bassschleifen, das allerdings gegen einen letzten Widersacher aus aufbegehrenden, nach vorne drängenden Riffs, Growls und Aggression ankämpfen muss und verliert. Diese detaillierte Beschreibung der ersten beiden Nummern „Shamayim“ und „Firmament“ des neuen The Ocean-Werkes ist zwar durchaus sinnbildlich für das bisherige Schaffen des Musikerkollektivs rund um Mastermind Robin Staps (Gitarre, Gesang, Samples), jedoch nicht für das nun vorliegende, komplette Werk „Heliocentric“, dem noch in diesem Jahr ein Geschwister mit Namen „Anthropocentric“ folgen soll.

2½ Jahre zuvor veröffentlichte das aus Berlin stammende Künstlergeschwader mit über 30 bis 40 aktiven Mitgliedern, von denen sich jedes für einen ganz bestimmtem Platz im Netzwerk verantwortlich fühlte, ihr Opus Magnum „Precambrian“ (11/2007). Die Erdgeschichte wurde kunstvoll in ein 84 Minuten langes Epos eingewoben und gemäß ihrer einzelnen Abschnitte musikalisch in perfekter Kopfkino-Atmosphäre abgehandelt. Mit dem folgenden Doppelschlag wollten Staps & Co. sich nicht wiederholen und gingen an die neuen Kompositionen direkter und melancholischer, aber zugleich wärmer und versöhnlicher heran. „Heliocentric“ wird dadurch an vielen Stellen die Intensität geraubt, denn einen ähnlich mitreißenden Sog wie „Precambrian“ entfacht die Platte nicht, was unter anderem an mehreren Faktoren liegt. Die Geschichte der Entstehung der Idee des heliozentrischen Weltbildes ist stellenweise zu unspektakulär, ja geradezu vorhersehbar und bedient sich an bereits vielfach eingesetzten Kniffen in der Diskographie von The Ocean.

Keine Frage, eine drückend-schwüle Stimmung beherrscht das Kollektiv aus dem Effeff und wendet diese auch dementsprechend gerne an, was nicht nur eruptiveren Nummern wie „The first commandment of the luminaries“ oder „Metaphysics of the hangman“ zugute kommt, aber gerade deswegen liegen die Erwartungen bei einem neuen Output der Künstlertruppe wesentlich höher als bei anderen Gruppierungen und multiinstrumentelle Klanggebilde mit einigen Falltüren oder wütenden Ausbrüchen alleine reichen nicht, um sich als Hörer befriedigt im Ohrensessel zu drehen. In diesem Sinne verliert „Metaphysics of the hangman“ auch an Strahlkraft, da trotz der einzigartigen Grundstimmung der Verlauf des Songs auf einem Level stecken bleibt und nicht voranzukommen scheint. Mit ähnlichen Schwierigkeiten hat auch „Ptolemy was wrong“ zu kämpfen, obwohl es sich hierbei um eine ruhige, recht monotone Piano/Streicher-Ballade handelt, die damit nicht nur den Fluss des Albums stört, sondern wegen ihrer uninspirierten und etwas kitschbehafteten Ader selbst nur für sich gesehen keinerlei großen Mehrwert besitzt.

„Epiphany“ versucht diese Idee etwas eindringlicher mit der dauerpräsenten Einbindung eines grummelnden Kontrabasses zu gestalten, scheitert aber an einer ähnlich monotonen Disposition des Songs, was „Catharsis of a heretic“ durch eine lockere Umgangsweise auszutricksen versucht. Leider ist der Song bereits nach zwei Minuten vorbei und endet daher bevor er einen bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Um einiges besser schlagen sich The Ocean bei „Swallowed by the earth“, wo nach anfänglich bandtypischem Klangteppich aus drückenden Riffs und sowohl lauten als auch leisen Zwischentönen ein bedrohlicher Basslauf aus dem Lautsprecher kriecht, dem ein metallisches Inferno folgt, dessen alleinige Existenz für Gänsehaut sorgt. Das abschließende Doppel „The origin of species“ und „The origin of god“ führt dann noch einmal die wackelige Grundessenz der Platte vor, da ersterer Song beinahe ausschließlich beeindrucken kann und letzterer Track ein bisschen zuviel von allem unter einen Hut bringen will.

„Heliocentric“ mit „Precambrian“ zu vergleichen wäre alleine deswegen Humbug. Der neueste Streich des Musikerkollektivs ist vielmehr eine Übergangsplatte, ein Ventil um sich wieder zu finden, neue Wege zu beschreiten und herumzuprobieren um nach dem zielstrebigen Vorgänger für Auflockerung in der Zerstreuung zu suchen. Dass die bruchstückhafte Inszenierung nicht jedem schmecken wird, ist klar, aber die Zeit der (scheinbaren) Orientierungslosigkeit wird bei einer Band mit diesem Backkatalog nicht lange dauern. Versprochen!

Anspieltipps:

  • Firmament
  • The Origin Of Species
  • Swallowed By The Earth
  • The First Commandment Of The Luminaries

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