Madsen - Labyrinth - Cover
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Madsen Labyrinth


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit „Labyrinth“ treiben Madsen ihre einst eingeschlagene Entwicklungsreise auf die Spitze.

Die niedersächsische Band Madsen zählt gewiss zu den interessantesten Nachwuchshoffnungen der deutschen Musikszene. Sie formierte sich im Jahr 2004 unter dem Familiennamen der drei Brüder Sascha, Sebastian und Johannes Madsen und ergatterte einen Majorvertrag bei Universal Music, wo bis dato drei bemerkenswerte Studioalben erschienen. Diese zeichnen sich durch Experimentierfreude sowie Spaß an musikalischen Veränderungen und Weiterentwicklungen aus, bei der die inzwischen zum Quartett geschrumpfte Gruppe deutschsprachigen Indie- und Punkrock mit poppigen Melodien kreuzt. Sicher, das kam beim „normalen“ Hörer meistens besser als bei der Kritik an, doch mit ihrer unbekümmerten Art und Weise haben sich die Jungs einen Sympathiebonus erspielt, durch den gewisse Unzulänglichkeiten (der Gesang ist z.B. nicht jedermanns Sache) unter den Teppich gekehrt werden.

Mit „Labyrinth“, ihrem vierten Album in sechs Jahren und dem ersten Werk nach dem Abgang von Keyboarder Folkert Jahnke, treiben Madsen ihre einst eingeschlagene Entwicklungsreise auf die Spitze. „Stadion-Rock“ ist eine der musikalischen Baustellen, die sich die Norddeutschen vorgenommen haben und gleich im titelgebenden Opener für offene Münder sorgt. Der sechsminütige Song ist nichts anderes als eine Verbeugung vor der Band Queen und dessen Hang zu pompösen Klanggebilden, den sie vornehmlich in den frühen 70er Jahren ausgelebt hat. So beginnt „Labyrinth“ quasi mit einer Version von „Bohemian Rhapsody“ Made in Niedersachen: Ein Intro mit operettenhaftem Chorgesang, markanten Pianotupfern und einem pathetischen Text, dem nach zwei Minuten ein treibender Rockpart folgt, der in einen Stadion-Rock-tauglichen Refrain mündet, ehe der nächste Zwischenstopp, der mit der Stelle in „Bohemian Rhapsody“ vergleichbar ist, wo der „Galileo, Galileo, Galileo, Galileo, Galileo Figaro“-Part einsetzt, das große Finale ankündigt.

Verrückt, aber genial! Und so geht es auch weiter. Denn schon im zweiten Track „Mein Herz bleibt hier“ schütteln Madsen den ganzen Pomp lässig wieder ab und servieren einen locker-flockigen Dicke-Hose-Rocksong. Unglaublich: Die Burschen meinen es mit ihrer Stadion-Rock-Ankündigung tatsächlich ernst! Und sie drehen das Rad behände weiter, indem sie mit „Das muss Liebe sein“ einen Tote-Hosen-artigen Mitgrölsong und mit „Blockade“ ein schweres Hardcore-Punk-Geschoss folgen lassen. Dazwischen wird eine große Pophymne mit „Symphathy for the devil“-Hoo-Hoos aufgefahren („Zwischen den Zeiten“), in „Berlin, was willst du von mir“ eine (verdiente) verbale Watsch’n an die Hauptstadt verteilt und in „Schön, dass du wieder da bist“ mit The-Cure-Gedächtnis-Licks (remember: „Friday, I’m in love“) gewuchert.

Im wunderschönen „Obenunten“, bei dem einen unweigerlich Bob Dylans „I shall be released“ in den Sinn kommt, glänzt Lisa Nicklisch als Duettpartnerin und „Lass die Liebe regieren“, die erste Singleauskopplung, die ein wenig an die frühen Tocotronic erinnert, dürfte durchaus Chancen im Radio haben. Ach ja, da wir uns im Jahr einer Fußball-WM befinden, darf ein Song wie „Sieger“ zum Schluss offenbar nicht fehlen. Dabei handelt es sich um ein simples Schunkellied mit Dudelsack-Einsatz und Schlachtengesangscharakter. Geschickt kalkuliert, aber genauso überflüssig wie bei den Jungs von Revolverheld.

Ein Album wie „Labyrinth“ ist ganz bestimmt nicht als mutlos zu bezeichnen, da sich Madsen etwas trauen, was das Fan-Lager ganz leicht in zwei Teile spalten kann: Die Band wagt sich an einen ziemlich fetten Stadion-Rocksound heran und schreckt dabei nicht vor diversen Zitaten großer Pop- und Rocksongs zurück. Das raue Geschrammel vorheriger Alben wird in den Hintergrund gedrängt, ist aber durchaus noch vorhanden („Mit dem Moped nach Madrid“). Trotzdem – oder gerade deshalb – kann „Labyrinth“ nur als faustdicke Überraschung gewertet werden, mit der sich Madsen in der ersten Rockliga noch weiter nach vorne arbeiten.

Anspieltipps:

  • Labyrinth
  • Obenunten
  • Jeder für jeden
  • Zwischen den Zeiten
  • Mit dem Moped nach Madrid

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