Sophie Hunger - 1983 - Cover
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Sophie Hunger 1983


  • Label: Two Gentlemen/INDIGO
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Da nimmt uns die Schweizerin Sophie Hunger vom Coverartwork mit eindeutiger fremd- und autoaggressiver Geste ins Visier. Die Waffen sind Imagination, einige ihrer Songs dagegen sind Waffen, die sie gegen mehr oder weniger imaginäre Feinde richtet oder gegen sich selbst. Das dritte Album ist oftmals das richtungsweisende einer Musikerkarriere und Sophie Hunger benennt es nach ihrem Geburtsjahr „1983“. Der in Deutsch gesungene Titelsong beamt New-Wave- und Punkattitüde in die modernen Zeiten von 2010. „Komm bitte sing mir ein Volkslied auch wenn es das nicht mehr gibt“, singt sie fast missgelaunt mit verzweifelt kalten Untertönen, die einen schaudern lassen. Doch das ist nur eine Facette ihrer aktuellen Liedkunst, die sich jeglicher Kategorisierung entziehen will.

Konnte man die Vorgängeralben noch in der Jazz-Pop-Ecke verorten, muss „1983“ ohne Schublade auskommen. Sophie Hunger singt überwiegend in englischer Sprache, um so exotischer der erwähnte Titelsong, dem das schwyzerdütsche „D’Red“ und der französische Titel „Le Vent Nous Portera“ in nichts nachstehen. Der schweizerische Blick über die Grenzen sprengt auch die musikalischen. In einem TV-Interview – nach ihren Grenzen gefragt – strich sich Hunger mit dem Finger über den Umriss ihres Körpers. Als Grenzgängerin, die Elektro, Drumcomputer, Mundharmonika, Chorstimmen und Effekte mit üblichem Instrumentarium (Gitarre, Klavier etc.) verknüpft, spaziert sie auf den Tonleitern des Risikos und geht so mit ihren Songs fast immer ein Wagnis ein. Dem poetischen Realismus von „Citylights Forever“ folgt das verstörend und vertrackt rockende „Your Personal Religion“, um danach ein nachtschwarzes Jazz-Chanson („Le Vent Nous Portera“) mit Trompete anzustimmen. Mit „D’Red“ erfindet sie dann das Volkslied, das es nicht mehr zu geben scheint. Eine herrliche schwyzerdütsche Folk-Jazz-Ballade, die in den Konter des kantigen „Approximately Gone“ läuft.

Ob dieser Ideenreichtum, diese Schwankungen immer funktionieren? Das dürfte auch von der Stimmungslage des Hörers abhängen, seiner Aufnahmefähigkeit, seiner eigenen Kreativität. Sophie Hunger macht es sich und uns nicht leicht, die detailverliebten Songs verlangen nach offenem Verstand und Herz. In ihrer Stimme und ihrem Gesang liegen Charme, Wut, Trauer, Feingefühl und Experiment nahe beieinander. Sie phrasiert in Schatten und Licht, sie kann rappen, swingen und Emotion transportieren, ihre Kompositionen sind das entsprechende Spiegelbild. Wohin führt ihr Weg nach „1983“? Die stilistische Offenheit birgt Freiheit aber auch Zwänge. Wer wagt gewinnt nicht immer, doch Sophie Hungers Facettenreichtum wirkt nicht aufgesetzt sondern scheint aus ihrem Innersten zu stammen. Wer weiß, als nächstes überrascht sie uns vielleicht mit einem schlichten Folk-Gitarre-Gesang-Album.

Anspieltipps:

  • 1983
  • Citylights Forever
  • La Vent Nous Portera
  • D’Red
  • Approximately Gone

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