Jim Kerr - Lostboy! - Cover
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Jim Kerr Lostboy!


  • Label: earMusic/Edel
  • Laufzeit: 47 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Vor schon einigen Jahren wurde mir eine wichtige Lebensweisheit mitgegeben. Sie kam von einer Frau und war ernst gemeint, womit klar gestellt sein sollte, dass folgender Ausspruch nicht frauenfeindlich gemeint ist: Männer reifen, Frauen altern. Was hat das mit unserer Musik zu tun? Nun, es ist unwahrscheinlich, dass Pink und Christina Aguilera sich im Alter von 50 Jahren noch großartig auf die Bühne begeben. Metallica, AC/DC und seit neuestem der Kopf der Band Simple Minds haben damit kein Problem. Neue Tiefe in der Musik, statt tiefen Falten im Gesicht heißt die Devise. Mit dem Alter kommt Erfahrung und vergessen ist der Satz, früher war alles besser. Und wenn der Satz doch gilt, ist man ja das Früher und verkörpert es nun. Man ist aber trotzdem jung und… das ergibt nicht wirklich Sinn, oder?

Tatsache ist, dass viele Altstars quicklebendig und fidel sind wie eh und je. Auch der 51jährige Schotte bezeichnet sich in Interviews zu seinem ersten Soloprojekt als „the passionate kid that I had left behind“. Da kommen also Erinnerungen an die Jugend zurück? Das haben wir jedoch schon ein paar Mal gehört, das Altstars meinen ihren ganz frühen Drive wieder gefunden zu haben. Meist halten solche Aussprüche dafür her, dass man einen Grund dafür hat, Musik zu machen, die schon vor zehn Jahren out war.

Unverwechselbar und deutlich brüllen einem die Neunziger auch nach kurzem Intro entgegen. Bevor man jetzt panisch die Hände über dem Kopf zusammenfaltet und sich fragt, warum Kerr nicht als strahlender Frontmann der Simple Minds in Erinnerung bleiben konnte, soll einen Moment an die „neuen“ Depeche Mode denken. So schlecht war das doch auch nicht, was die Herren im neuen Jahrtausend gezaubert haben. Bei einem zweiten Gedanken stellt sich aber auch heraus, dass es nicht allzu brillant war. Genau in dieser Qualitätsregion scheint sich auch Kerr anzusiedeln. Gleich die ersten beiden Tracks sind angefüllt mit dem Geist der Neunziger, aber es steckt tatsächlich genug Kraft dahinter, damit gerade Hörer der ersten Stunde ihren Spaß haben werden.

Wie erwartet erfindet Kerr seine Musik nicht neu, sondern macht das, was er am besten kann. Die wichtigen Fragen sind jetzt: Was bietet das Album noch? Ist das Soloprojekt besser als die Simple Minds? An dieser Stelle erinnert man gerne an Farin Urlaub, der im Alleingang eine sehr gute Figur macht. Nicht, dass die Ärzte schlechter sind als seine Eigenwerke, aber es ist doch bemerkenswert, was er bisher geschafft hat. Sein Erstling war dabei wirklich erfrischend, wenngleich kein Meilenstein. Kerr folgt diesem Beispiel, nur dass sein Stil mehr in Erinnerungen rührt, als - wie Farin - neue Richtungen auszuprobieren und sich mehr auf Nischen, die vorher im großen Stil nicht ausgetestet werden konnten, konzentriert.

Schlecht ist das auf keinen Fall, denn „Return Of The King“ ist eine Hymne, die sich ihre künstlerische Freiheit nimmt, wobei nicht sicher ist, ob er solche Stücke nicht auch für die Simple Minds hätte schreiben können. Der Unterschied zum Original fehlt einfach. Zwar kommt keine offensichtliche B-Seiten-Stimmung auf, was bei der hohen Messlatte der Stammband durchaus eine Leistung ist, aber daran gemessen fehlen auch die großen Hymnen, die richtig starken Songs, die man nicht müssen möchte. Es wirkt mehr, als hätte sich Kerr einfach mal austoben müssen, wobei zu hoffen ist, dass er neue Kraft für geniale Simple-Minds-Tracks freigesetzt hat. Dieses Album ist mehr eine Fingerübung, die großen Kunststücke erwarten wir jetzt wieder mit den üblichen Co-Musikern, Mr. Kerr.

Anspieltipps:

  • Remember Asia
  • Refugee
  • Return Of The King

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