Evelyn Evelyn - Evelyn Evelyn - Cover
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Evelyn Evelyn Evelyn Evelyn


  • Label: Neo/Sony Music
  • Laufzeit: 54 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Dresden Doll Amanda Palmer und Singer/Songwriter Jason Webley formen ein kurioses Duo mit mehr Mummenschanz als Substanz. Genau genommen, ist die Maskerade hier der Gehalt, in der das altbekannte Indie-Pop-Cabaret Palmers nur ein einziges Mal Erweiterung um Americana-ähnlichen Gitarren-Folk Webleys findet (auf „You Only Want Me ‘Cause You Want My Sister“).

Ein Konzeptalbum, in dem die beiden Protagonisten so tun, als wären sie siamesische Zwillinge (Eve und Lyn) die ihre Lebensodyssee vertonen, spricht dann auch deutlich dafür, dass die tendenziell omnipräsente Palmer hier die Hosen an hat. Dabei offenbart sie auf „Evelyn Evelyn“ eine hübsche Ambivalenz: wer aus journalistischen oder sonst welchen Gründen zum Beispiel viele viele MySpace-Bandfreundschaften zu seinen digitalen Errungenschaften zählen kann, der weiß vielleicht, dass es kaum eine nervendere digitale Präsenz gibt, als die von Frau Palmer. Weit vor Twitter’scher Etablierung war sie sich nie zu Schade auf allen Kanalwegen, die die Blog-, Bulletin- und Kommentarwelt des web 2.0 so zu bieten hat, alle Arten von Unnötigkeiten kundzutun. Aber gut: wer kein, kaum oder nicht genügend Geld mit Plattenverkäufen verdient – im 21. Jahrhundert inzwischen die überwiegende Mehrheit der Künstler – ist bis zu einem gewissen Grade angewiesen auf die Hege und Pflege dieser kommunikativen Nähe-Suggerierungen.

Irritierend ist jetzt nur, dass diese kecke Speerspitze digitaler Kommunikationspenetrierung uns hier ein Konzeptalbum auftischt, das uns die satirische Mär von der Sinnlosigkeit moderner digitaler Verbreitungsmöglichkeiten erzählen will. Würde man all diese Fachspezifika nicht kennen – die überwiegende Mehrheit potentieller Hörer also – ist dieses lustige, kabarettistisch gehaltene Debütalbum von Evelyn Evelyn, in der die siamesischen Zwillinge ihren Weg von bösen Verwandten, herzlosen Ärzten und ausbeuterischen Zirkusmenschen einer amerikanischen Freak Show hin zu potentiellen MySpace-Sternchen besingen, ein herrlicher, persiflierender, zynischer Stoß in das Herz der Funktionsmaschinerie unserer heutigen Popwelt. Wie diese beiden halbversklavten, naiven Zwillinge MySpace entdecken, und sich ihr Möglichkeitsmeer der Kundenerreichbarkeit und einer besseren Zukunft ausphantasieren, regt schon sehr zum Schmunzeln an – vor allem weil die billige DIY-Intonierung so schön mit dem Text korrespondiert („My Space“). Aber wie gesagt: das ganze von Palmer? Die mit ihrem Soloalbum auf einem Majorlabel vor zwei Jahren böse floppte, prompt entlassen wurde und fortan mittels sozialer Netzwerke erfolgreich eigene Perfomance-Ideen verfolgt? Sie müsste doch eigentlich ein Loblied auf MySpace singen, könnte man annehmen.

Tut sie aber nicht. Sondern dreht einen musikalischen Film, in Dresden Dolls nicht gänzlich unähnlicher Manier, kabarettistisch, grotesk, mit allerlei vaudevillesquen Instrumenteneinsatz – zum Klavier und Schlagzeug gesellen sich Tuba, Trompeten, Akkordeon, Streicher und weiterer Klimbim, den man braucht um eine leuchtende Varieté-Pop-Melange abzubrennen. Hundert Mal wird man es sich kaum anhören, wie immer bei einer filmisch geschlossenen Geschichte, Spaß macht sie aber allemal. Festzuhalten bleibt, dass das storytelling hier großgeschrieben wird und die beiden ein sympathisches Gespür für angewandten Zynismus haben. Eingedenk ihres Soloalbums könnte man in Werbeslogan-Manier, der nach Abspann dieses musikalischen Films eingeblendet wird, schließen: Amanda Palmer: im Duett besser.

Anspieltipps:

  • Have You Seen My Sister Evelyn?
  • A Campaign Of Shock And Awe
  • My Space

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