The National - High Violet - Cover
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The National High Violet


  • Label: Beggars/INDIGO
  • Laufzeit: 49 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
8.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Es ist erstaunlich, wie sich die Band vom simplen Americana-Folk der Anfangstage zum vielschichtigen Indie-Pop entwickelt hat.

Hört man sich einmal das selbstbetitelte Debüt der aus Ohio stammenden Band The National aus dem Jahre 2001 an und dann in direktem Vergleich den neuesten Langspieler „High Violet“ – welches zu einem Zeitpunkt erscheint, an dem die Band dem „großen Durchbruch“ schon sehr nahe steht – kann man sich schon fragen, ob diese Alben wirklich von der gleichen Gruppe eingespielt wurden. In Vincent Moons Dokumentation „A Skin, A Night“ (2008, zusammen mit der „Virginia EP” erschienen), sagt Gitarrist Bryce Dessner einmal sinngemäß, sie hätten erst bei ihrem Zweitwerk „Sad Songs For Dirty Lovers“ (2003) gemerkt, dass sie großartige Alben machen können. Eine etwas zum Schmunzeln anregende Aussage, wenn man bedenkt, dass die Band ihre Hochphase erst mit „Alligator“ (2005) einleitete, sich mit „Boxer“ (2007) endgültig definierte und nun mit „High Violet“ ihrer Discographie ein weiteres Meisterwerk hinzufügt.

Es ist schon erstaunlich, wie sich die Band vom simplen Americana-Folk der Anfangstage zum vielschichtigen Indie-Pop qualitativ entwickelt hat. Ein Album wie „High Violet“ hätte man The National im Jahr 2001 sicher nicht zugetraut. Doch fast zehn Jahre später sind die Erwartungshaltungen immens hoch und das Quintett kontert mit einem Album, welches besser nicht hätte sein können: Ohne die Intimität von „Boxer“ zu verlieren, reichert die Band ihre Songs nuancenhaft mit neuen Klängen an, die weniger durch Experimente überraschen, denn mehr ein weiteres Mal durch ihre filigran-feinen Ausarbeitungen.

Die größte Stärke von The National, welche sich auf „Boxer“ zum ersten mal in voller Pracht zeigte, allerlei Instrumente subtil und kaum hörbar in die Songs einzubetten, woraus sie ihre für Popverhältnisse ungeahnte Komplexität erreichen, können sie zum Glück auch auf ihr fünftes Album retten. So haften auch vielen Liedern auf „High Violet“ wieder diese fabelhaften melacholischen Soundcollagen an, welche erst nach mehrmaligem Hören ihre Wirkung entfalten. Wie sich „Terrible Love“ in einem immer stärker werdenden Sog verliert oder sich bei „Sorrow“ Streicher und Klavier ganz sanft unter Matt Berningers tief-elegische Stimme legen, fasziniert immer wieder. Das fast schon Post-Rock-artige „England“ entfaltet eine epische Wirkung, ohne dabei pompös oder überzogen zu wirken, „Runaway“ überzeugt mit zärtlich gezupften Gitarren und sich sachte erhebenen Bläsern. Das Stück „Afraid of Everyone“ ist das beste Beispiel für die immer wieder auftauchenden, intensiven Backing Vocals und mit „Bloodbuzz Ohio“ zeigen sich The National von ihrer leicht hymnischen Seite.

Eine Leistung, die in jedem Fall hervorzuheben ist, ist die des Schlagzeugers Bryan Devendorf: Bei aller kompositorischer Stärke der Band, ist es am Ende doch immer wieder er, der durch seine hämmernden sowie einprägsamen Rhythmiken, welche man unter Tausenden wieder erkennt, auffällt. War sein Spiel auf „Boxer“ innerhalb eines Songs meist noch recht stoisch auf einen durchgehenden Rhythmus beschränkt, so differenziert und steuert er die Geschwindigkeit der Songs jetzt sehr viel nachhaltiger. Nicht umsonst ist das Schlagzeug bei dem zwar effektiv-düsteren aber eher simpel gestrickten „Anyone’s Ghost“ eindeutig in den Vordergrund gemischt worden.

Zeichnete sich „Boxer“ meist noch durch sein intimes Kammerspiel aus („Start A War“, „Gospel“), begegnet einem auf „High Violet“ ein neues Selbstvertrauen der Band, mit dem so nicht zu rechnen war: Dies lässt sich insbesondere anhand des Abschlusses „Vanderlyle Crybaby Geeks“ festmachen, in dem Berningers Gesang nahezu gospelhaft erscheint und die Musik sich nicht mehr im dunklen Schrank versteckt, sondern majestätisch durch den Raum zu streifen scheint. „High Violet“ ist die mehr als logische Weiterführung von „Boxer“: Das Album berührt mit einer unaufdringlichen Melancholie und Feinfühligkeit, die jeden Song zu einem kleinen Erlebnis machen. Im Langzeittest könnten diese zwölf wundervoll-einzigartigen Stücke auf der Skala sicher noch einen kleinen Sprung nach oben machen.

Anspieltipps:

  • Sorrow
  • Afraid of Everyone
  • Bloodbuzz Ohio
  • England

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