Gonjasufi - A Sufi & A Killer - Cover
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Gonjasufi A Sufi & A Killer


  • Label: Warp/Rough Trade
  • Laufzeit: 59 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Kriechend, beschleichend, pilzartig wuchernd und nach ein paar Durchgängen unerklärlich arretierend: Gonjasufi legt das bisher außergewöhnlichste Debüt des Jahres vor. Krude, seltsam und in jedem Falle andersartig gebiert sich dabei nicht nur dieser manische Mix aus Psychedelia, HipHop, Blues, Soul, Worldbeat und Phantastereien, auch die recherchierten Charakteristika des Protagonisten schießen in ähnlich halluzinogenes Kraut.

Hat dieser bärtige, sonnengegerbte, Dreadlocks tragende Mann mit dem zweifelnden Blick wirklich auf der Straße gelebt oder legt sein Ruf als Underground-Musiker im Dunstkreis der Pharcyde-Crew dies bloß nahe? Geht er eremitengleich wirklich in die kalifornische Wüste, um unter spirituell-erleuchteten Wahn Song-Grundideen aufzunehmen oder erklärt sich diese veritable Abgefahrenheit auf „A Sufi And A Killer“ schlicht so am besten?

Mehr oder weniger fest steht, dass Gonjasufi, bürgerlich wohl eher Sumach Ecks, statt des kursierenden Sumach Valentine, es lange mit Hip-Hop probierte, ein ziemlich verdrogtes Lotterleben geführt haben muss, gesellschaftliche Randbereiche Los Angeles’ sein Zuhause nannte und im asketischen und spirituellen Sufismus – der, zumindest aus westlicher, nicht aus historischer Sicht, „Peace-Bruder!“-Fraktion innerhalb des Islam – Rettung und neue Stringenz für sein Leben fand. Statt dem Heimatort San Diego lebt er jetzt mit Kind und Kegel in einem Vorort von Las Vegas und verdient seine Brötchen mit Yoga. Ganz recht: ein freaky Yogalehrer und praktizierender Sufi steht hinter einem der spannendsten Veröffentlichungen des laufenden Jahres.

Und wie packend hier die Gehörwindungen Traktierung erfahren lässt sich wie immer, wenn etwas Neues um die Ecke kommt, hier besser: kriecht, schwerlich in Worte fassen. Natürlich gab es auch vor ihm Versuche der westlichen Welt fremde Klänge mit den unsrigen zu vereinen und etwas Psychedelisches und Rauschhaftes daraus zu erschaffen, aber Gonjasufi sprengt, erstens, den Rahmen der vorherigen Unternehmungen, und, zweitens, fegt damit spielend die lästigen Weltmusik-Kategorie-Karten vom Tisch.

Wie ein anspringender Dieselmotor, der die Stoner-Rock-Jams Anfang der Neunziger Jahre in der kalifornischen Wüste mit Strom versorgte, kündigt sich ein zu begehender Trip, eine Reise ins ungewisse an und wabert im Hintergrund mit eben jenen Klängen dieses klassischen indischen Tanzstils, dessen Namen der Einstieg trägt. Indische Klänge, vor allem Sitar und Gesänge, würzen ohnehin viele Passagen auf „A Sufi And A Killer“, wie gesagt, ohne dabei weltmusikalischer Verständigungsquatsch aus der westlichen Hemisphäre zu sein. Zum Beispiel auf „Kowboyz & Indians”, einem dieser unglaublichen, schwer fassbaren und dennoch halluzinogen einnehmenden Kracher auf dem Album; herausragend heftig. „Ancestors“ ist verquerer Hip-Hop mit blechernen Beats und diesen permanenten, durch das gesamte Album sich ziehenden, rostig-alten Mikrofon-Sounds, die Gonjasufis Stimme fast gruselig wirken lässt; „Sheep“ vielleicht eine CocoRosie-Hommage; „She Gone“ herrliche Verlustverarbeitung, die fast rockt; „SuzieQ“ Bass-Punkrock; „Candylane“ ein Soul-Schunkler; „Holidays“ paralysierender Elektro-Hip-Hop; „Ageing“ eine ganz wunderbare, minimalistische Bluesmodernisierung; „I’ve Given“ kurioses, Doors-ähnliches Beziehungsresümee. Es ist manisch, es ist fiebrig, dieses seltsame und heftige Album von Gonjasufi. 19 Tracks, viele davon um die Zwei-Minuten-Marke, der Wahnsinn hat Methode hier.

Eigenen Aussagen zufolge beabsichtigte Gonjasufi, dass man auf dem Album die Hitze der Wüste verspüre. Auch wenn es platt ist: „A Sufi And Killer“ kann schon mit LSD-Konsum in der Wüste verglichen werden. Schwer, soghaft und krass. An Gonjasufi muss vorbei, wer dieses Jahr noch mehr beeindrucken will.

Anspieltipps:

  • Kowboyz & Indians
  • Ancestors
  • She Gone
  • Holidays
  • Ageing
  • I’ve Given
  • Candylane

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