LCD Soundsystem - This Is Happening - Cover
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LCD Soundsystem This Is Happening


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 66 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Murphy, der sympathische, bärige New Yorker Lümmel in Anzug und Krawatte, vermengt wieder Disco-Zitate, funkige Bassläufe und minimalistische Beatstrukturierung mit wohlüberlegten Texten.

Was für ein Abschied. James Murphy macht Schluss und hinterlässt zum dritten Mal ein Tanzalbum für die Ewigkeit. Mit „This Is Happening“, die englische Phrase für „hier geht’s grad tierisch ab“, schließt er seine Dance-Punk- und Disco-Rock-Trilogie ab, die „LCD Soundsystem“ 2005 erst so exquisit einleitete und „Sound Of Silver“ 2007 so formidabel ausbaute.

Mit 40 Jahren meint Murphy also nun, es sei genug mit dem Protagonistendasein im Business, er habe auch noch andere Interessen und in jenem Alter sei es Zeit, dass Tanzflächenfeld Jüngeren zu überlassen; und Co-Gründer des wahrscheinlich erfolgreichsten Dance-Punk Labels der Welt – der New Yorker Death From Above Records – zu sein, soll nun also als musikalische Aufgabe genügen. Wenn das mal nicht veritablen Comeback-Boden für die Zukunft bereitet, aber glauben wir doch zunächst einfach den Worten, die so oft schon Schall und (manchmal auch schöner) Rauch waren.

„This Is Happening“ erscheint nun derartig grandios gelungen, dass man meinen könnte es übertreffe seine anderen beiden eloquenten, wie smarten Tanzaufforderungen sogar. Zwei Alben, die für weite Teile der Fachschaft zum unumgänglichen Pop-Kanon der ersten Dekade dieses noch so jungen Jahrhunderts zählen, wohlgemerkt. Ob Murphys dritter Streich tatsächlich über den anderen Werken steht oder noch urteilsbeeinträchtigenden Frischevorsprung für sich in Anspruch nimmt, wird einzig die Zeit zeigen; ein typisch journalistisches Haarspalterei-Thema im übrigen, unterm Strich zählt: „This Is Happening“ ist ein extraordinäres, himmelhoch jauchzend fulminantes Tanzalbum – clever, schön, zeitweise entschleunigt, wissend, unwiderstehlich, ehrlich, einnehmend, reüssierend, zaghaft, unaufdringlich, sommerlich, satirisch und albern.

Murphy, der sympathische, bärige New Yorker Lümmel in Anzug und Krawatte, vermengt wieder Disco-Zitate, funkige Bassläufe und minimalistische Beatstrukturierung mit einfachen, dennoch wohlüberlegten Texten, die immer deutlicher eine erfahrungsreiche Altersweisheit anzudeuten wissen, statt Party mit Daft-Punk-Mucke im eigenen Haus auszurufen und für die Hits zu sorgen, nach denen das Dancefloor-Publikum sich nimmersatt sehnt. „You wanted a hit — but maybe we don’t do hits/I try and try... it ends up feeling kind of wrong“, weiß er auf dem Grauzone-Klassiker „Eisbär“ beseelten, weil mehrfach gesampleten, „You Wanted A Hit“ doppelbödig zu untertreiben. Denn, ja, Hits, also knackige Kracher, wie eben jenes „Daft Punk Is Playin’ At My House“, will Murphy nicht mehr, brauch er nicht mehr, würden irgendwie fad wirken; und dennoch: gerade dieses halbe Grauzone-Cover ist nichts als ein schleichender, langsam sich entfaltender Triumphzug, ein Anti-Hit der Disco-Welt, der zu lange braucht, eigentlich zu dreist geklaut ist und für heutige Gewöhnung um Lichtjahre zu langsam daherfunked.

Auch wenn es im Grunde schon sein Signet ist, seine dritte elegante Tanzaufforderung nimmt sich sogar noch mehr Zeit. Eine halbe Ewigkeit weiß das neunminütige „Dance Yrself Clean“ behutsame Spannung zu lancieren, ehe minimale Sounderuptionen wie Vulkanasche emporsteigen, stetig, gemächlich und unaufhaltsam; der Tanz zu LCD Soundsystem kennt endgültig keine Hatz mehr aufgrund noch häufiger und stärker gedrosselter und sachte wieder angezogener Tempi. Auch die belebende Leichtigkeit mit der er veritable Seelendramen zu reüssieren versteht trotzt einigen Respekt ab. Erinnern wir uns an Jack White, wie er auf „Elephant“ bei „Black Math“ impulsiv, emphatisch und leicht manisch nur noch Zynismus zu Hilfe nehmen kann, um unerwiderte Liebe zu ventilieren, wenn er da singt: „Yeah, maybe I put my love on ice, and teach myself, maybe that’ll be nice, yeah“. Murphy singt lieber in „I Can Change“, wie im religiösen Glücksdelirium zu Tanzbein schwingenden Sounds der Friedfertigkeit – ist doch alles kein Problem hier, denn: „But I can change, I can change, I can change, I can change—if it helps you fall in love”.

So ließe sich über jeden der neun Songs schwelgen, es gibt keine Schwachstellen an diesem Werk, „Pow Pow“ schießt beispielsweise auch noch den letzten Schabernackvogel ab, und das so verdammt Kinnladen herunterfallend gekonnt. Mehrfach indes schimmert sein medial groß angekündigtes „take me home“-Gefühl durch („All I Want“ und „Home“), eine Abschiedsmentalität die lachen und weinen zugleich machen möchte. Eine ich-bin-jetzt-fertig-hier-Empfindung, die das Tanzalbum „This Is Happening“ tendenziell bittersweet werden lässt. Na, weißt du, Murphy: dann mach doch. Aber, hey: danke für diese drei tollen Alben, wovon das letzte vielleicht tatsächlich der unübertreffliche Entwurf ist, der nichts anderes sein kann, als ein krönender Abschluss.

Anspieltipps:

  • Pow Pow
  • You Wanted A Hit
  • Dance Yrself Clean
  • One Touch
  • I Can Change
  • All I Want
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