Jamie Lidell - Compass - Cover
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Jamie Lidell Compass


  • Label: Warp/Rough Trade
  • Laufzeit: 50 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Michael-Jackson-Fans hergehört, „Compass“ ist was für euch.

Beinahe wäre über das neue Jamie Lidell-Album nichts weiter zusagen gewesen als: Michael-Jackson-Fans hergehört, „Compass“ ist was für euch. Da verdient er sich spät auf seinem fünften Studioalbum doch noch die nachgesagten Meriten ein spannender, experimenteller Musiker zu sein.

Jamie Lidell unterzieht auf „Compass“ Soul und Funk einer sehr massenkompatiblen und überzeugenden Modernisierungskur, die catchy, charttauglich und dennoch musikalische Horizonte öffnend wirkt. Ein schwer einzuordnender Spagat somit, der Timbaland-ähnliches R’n’B-Gewumme („Your Sweet Boom“) mit Jackson 5-Reminiszensen („Enough’s Enough“) genauso zu vereinen versteht, wie MTV-taugliche Trend-Balladen („She Needs Me“ und „I Can Love Again“) und pechschwarzen Seventies-Disco-Funk („I Wanna Be Your Telephone“). Der Mann ist ja ein echter Tausendsassa – Multi-Instrumentalist, Beatbastler, Teilzeit-Techno-DJ – kein wunder also, dass hier einordentlich Früchte in der Bowle landeten. Obgleich ein wenig zu kompatibel und Richtung Kanye West schielend, muss attestiert werden: Lidell komponiert auf höchsten Pop-Niveau und kreiert ein hochaktuelles Soul-R’n’B-Funk-HipHop-Pop-Gemisch, der seinen Sound definitiv als singulär ausweist.

Doch bevor man der Charttauglichkeit und Top-Aktualität auf „Compass“ ein wenig Müde wird legt Lidell mit dem Titelsong spät aber dafür richtig los und beschert ein tolles Ende. Herzzerreißend, und nicht sich mit Kanye West messend, wird es da auf einmal, bevor innerhalb des Songs eine Wendung zum perkussiven Hip Hop vollzogen wird, die schelmisch gelungen ist. Auch „Gypsy Blood“ arbeitet weiter am aufhorchenden R’n’B-Soul mit schicken Beats, bevor in „Coma Chameleon“ alle Songentwicklungsregister gezogen werden und, einschließlich Free-Jazz-iger Bläser, eine geistige Songstrukturnähe Richtung Beck hergestellt wird.

Apropos Beck: der mediale Aufhänger zu „Compass“ ist sicherlich seine Entstehungsgeschichte. In Becks Studio mit nicht nur ihm, sondern noch Feist, Gonzales, Chris Taylor von Grizzly Bear, Pat Sansone von Wilco und Quincy Jones’ legendärem Drummer James Gadson ein Soul-Potpourri zusammengestellt zu haben, muss sicherlich musikalisch beflügelnd wirken. Es sind keine kleinen Pop-Brötchen mehr, die Lidell da bäckt. Umso erstaunlicher und für ihn sprechend, dass das Niveau stimmt trotz klebrig viel mainstream.

Anspieltipps:

  • Compass
  • Gypsy Blood
  • Coma Chameleon
  • Big Drift

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