Trentemøller - Into The Great Wide Yonder - Cover
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Trentemøller Into The Great Wide Yonder


  • Label: In My Room/Rough Trade
  • Laufzeit: 54 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Trotz der weitgehenden Abkehr vom Minimal, bleibt der Sound kohärent, durch eine sphärische Bedeutungslast voller Trauer, Düsternis und Dramatik, die auch hier wieder saufende Blödeleinstellungen obsolet werden lässt.

Anders Trentemøller goes analog. Die Niveauikone des schwarzbeseelten, düsteren Minimal-Techno rückt ab vom Dancefloor und erschafft gigantisches, organisches und opulentes Kopfkino. Ein Album für die kerzenbeschienene Dunkelheit der eigenen vier Wände oder für den fast einstündigen Blick auf vielschichtiges Wolkenspiel, auf einer Wiese liegend. In jedem Falle ist der Nachfolger seines Meisterwerks „The Last Resort“ eine hochgradig intime Angelegenheit und somit bestens geeignet für Qualitätskopfhörer. Wer sich hierfür nicht Zeit nimmt, wer sich hierauf nicht konzentriert, dem entgeht, welche Tiefenebenen Anders Trentemøller in sein musikalisches Schaffen einzubauen versteht.

Trotz der weitgehenden Abkehr vom Minimal, bleibt sein Sound kohärent, ja kontinuin, durch eine sphärische Bedeutungslast voller Trauer, Düsternis und Dramatik, die auch hier wieder saufende Blödeleinstellungen oder diskoiden Triebabbau obsolet werden lässt. Und doch arbeitet Trentemøller auf „Into The Great White Yonder“ gänzlich anders: zwar programmiert er freilich alles nach wie vor in seine Laptops (ein Plural ist mittlerweile, bei seinem Erfolg und dadurch seinem Kontostand, unterstellbar wahrscheinlich), aber der Multi-Instrumentalist, der nicht müde wird zu betonen, in Dänemark jahrelang in Rockbands gespielt zu haben und ergo kein klassischer Techno-DJ zu sein, der nur jenes Metier beherrscht, dieser Multi-Instrumentalist nahm sich diesmal also die Zeit und spielte vielerlei Instrumente selbst ein, allen voran ausschweifende, sich durch das gesamte, opulente Werk ziehende Twang-Gitarren, aber auch Piano-Parts und echtes Schlagzeug.

„Ich wollte natürlich nicht das erste Album noch mal aufnehmen. Das zweite ist also für mich eine logische Weiterentwicklung von ‚The Last Resort’. Das einzige was ich wusste war, dass die Musik organischer und analoger klingen sollte.“ Weshalb alle Stücke am Ende durch Equalizer und Vorverstärker auf analoge Bänder überspielt wurden und so ein warmer, gesättigter Sound entstand, der sich von reinen Computerproduktionen massiv unterscheidet und das Ganze, in einem instrumentalen Sinne, wesentlich echter macht. So weit, so organisch. Jetzt noch Opulenz und Bombast in das Arrangement der Stückproduktionen eingeschleust und fertig ist das Trentemøller-Kopfkino Version 2.0. Synthie-Klangteppiche, wabernde Sounds und wummernde, beständig gebrochene Beats umschleichend die Faden legenden Gitarren-Akkorde, wie im Opener „The Mash And The Fury“ vorgebracht und immer wieder im weiteren Verlauf angewendet. Die Single „Sycamore Feeling“ lässt Gesang zu, stimmlich passend von der dänischen Sängerin Marie Fisker vorgetragen und mit echtem Schlagzeug angetrieben. Auch Fyfe Dangerfield von den Guillemots und das dänische Gesangsduo Darkness Falls wirken im weiteren Verlauf stimmlich mit.

Ein, vielleicht der dramaturgische Höhepunkt auf Trentemøllers Zweitwerk ist das hochkomplexe und einnehmende „Shades Of Marble“, in der Surf-Gitarren-Ästhetik sich mit Minimal-Anleihen vermischen (wie auf mehreren Remixen zu Songs seiner Landeskollegen The Raveonettes von ihm schon erprobt und offenbar für gut befunden), zu einem operesken Gebilde anwachsen und fulminant kulminieren. Auch wenn der hintere Teil des Albums ein wenig schwächer anmutet, was hier heißt: ein wenig weniger großartig, mit zeitlupenartigen Ausklängen, die wie endgültige Abschiede anmuten und dem einzigen Uptempo-Stück „Silver Surfer, Ghost Rider Go!!!”, ist Anders Trentemøller abschließend wieder ein Stück Musik von Dauer und Bestand gelungen.

2006 retteten er und das schwedische Duo The Knife den mal wieder festgefahrenen Techno und erweiterten ihn um eine fast gänzlich fehlende Emotion: den Seelenschmerz. Zuvor steckte er mit den auf Steve Bugs Berliner Kult-Label Audiomatique erschienenen Singles „Polar Shift“, „Sunstroke“, und „Nam Nam“ fruchtbare Ackerfelder ab, von denen Minimal bis heute zehrt. Die Niveauikone des schwarzbeseelten, düsteren Minimal-Techno ist nun also zurück und im Grunde wusste man, wenn nicht furchtbare Dinge dazwischen geraten, wird das Ergebnis gefährlich gut. Trentemøllers „Into The Great White Yonder” ist eine cineastische Reise geworden, die Aufmerksamkeit abverlangt, erschöpfend wirkt und Intimität etabliert. Großes Kino.

Anspieltipps:

  • Shades Of Marble
  • Past The Beginning Of The End
  • The Mash And The Fury
  • Silver Surfer, Ghost Rider Go!!!

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