Nevermore - The Obsidian Conspiracy - Cover
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Nevermore The Obsidian Conspiracy


  • Label: Century Media/EMI
  • Laufzeit: 45 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Nachdem sich die Metalgemeinde nach „This godless endeavour“ (07/2005) rund um den Globus einheitlich die Finger abgeleckt hatte und eine zweijährige Tour bezüglich des großen Erfolges des sechsten Albums der aus Seattle stammenden Band bestritten wurde (sehr stimmungsvoll auf dem Live-Output „Year of the voyager“ (10/2008) eingefangen), lehnten sich Warrel Dane (Gesang), Jeff Loomis (Gitarre), Jim Sheppard (Bass) und Van Williams (Schlagzeug) entspannt zurück und waren erst einmal in eigener Sache unterwegs, bevor das Schreiben von neuem Material für Nevermore an der Tagesordnung stand. Dane veröffentlichte mit „Praises for the war machine“ (04/2008) ein stärker an melodischem Heavy Metal orientiertes Album, während Loomis „Zero order phase“ (08/2008) als progressives Instrumentalwerk auf die Menschheit losließ. Doch obwohl beide Soloplatten ihren Reiz besaßen, wartete die Fangemeinde fünf lange Jahre eigentlich nur auf den Nachfolger zu „This godless endeavour“, der nun endlich als „The obsidian conspiracy“ das Neonlicht der Musikläden erblicken darf. Es stellt sich also die alles entscheidende Frage: Hat sich das Warten gelohnt?

Die Antwort darauf fällt allerdings schwerer aus als gedacht, denn wer erwartet hat, dass Nevermore über ihre Zielgruppe mit einem energiegeladenen Orkan hinwegfegen, der technisch, melodisch und heavy zugleich ist, der wird diese Punkte auf der siebten Langrille der Seattler nur vereinzelt anstatt gebündelt finden, da Nevermores neueste Errungenschaft keine kurzweilige Platte für Zwischendurch sein will, sondern ein progressiv-fordernder Brocken, in den sich erst hineingearbeitet werden muss. In diesem Sinne missfällt einem so ziemlich alles nach den ersten zwei bis drei Durchgängen und „The obsidian conspiracy“ verliert schneller den Reiz als man „Loomis“ oder „Dane“ sagen kann. Innovationen bleiben außen vor, die verwendeten Melodien sind gut, aber nicht überragend und seltsame Einfälle wie das stadionrocktaugliche „Rise, rise, rise!“-Gerufe in „Your poison throne“ oder die schwachen Midtemponummern „Without morals“ und „Emptiness unobstructed“ führen nur dazu, dass die Antwort auf die oben gestellte Frage lapidar mit folgender Gegenfrage gekontert wird: „Soll DAS wirklich der Nachfolger zu „This godless endeavour“ sein?“

1½ Stunden und zwei Umdrehungen später wendet sich jedoch das Blatt und man möchte urplötzlich und voll Euphorie den aus den Boxen entgegenströmenden Riffs und Solos entgegenschreien: „Verdammt noch mal, ja! Anders als erwartet, aber immer noch Nevermore.“ Schuld daran ist die nach und nach stärker in den Vordergrund tretende Fingerfertigkeit von Loomis und die breite Palette an Gemütszuständen, die Dane in Perfektion aus seiner Lunge befördert. Paradigmatisch hierfür ist der Titeltrack, der zwar unglücklicherweise erst am Ende des Albums aus den Lautsprechern brettert, aber mit seiner kompromisslosen Ader die besten Argumente besitzt um jemanden die Vorzüge einer Nevermore-Komposition näher zu bringen. Sänger Warrel zieht alle stimmlichen Register, sei es normaler Gesang, aus der Lunge gepresster Rotz oder hohe Power Metal-Screams, und Saitenhexer Jeff flitzt über die Saiten als wäre er Juggernaut aus der Comicreihe X-Men und würde konstant an Momentum zulegen, was in einen unvergleichlichen Ritt durch einige der feinsten Rifforgien gipfelt, die in den letzten Jahren im Genre vernommen wurden.

Weitere Höhepunkte wären „She comes in colors“, das nach balladesken Einstieg an Tempo gewinnt und ständig mit Dynamik und Rhythmus spielt, das dunkle „The day you built the wall“, welches dem Hörer harte Riffs um die Ohren schmeißt, die meisterhaft dargebotene Abrissbirne „And the maiden spoke“, oder die Ballade „The blue marble and the new soul“, die zwar im hinteren Drittel eine enttäuschende Abzweigung nimmt, aber alles in allem stimmungsvoll und mit viel Emotion ihren Beitrag leistet. Nichtsdestotrotz bleiben „Emptiness unobstructed“ und „Without morals“ austauschbare B-Seitenware und unnötige Lückenfüller, in denen sich Warrel Dane als Mischung aus Rob Lowe (Candlemass, Solitude Aeturnus) und Jon Oliva (Savatage, Trans-Siberian Orchestra) in Kollaboration mit seinen übrigen Mitstreitern noch so sehr ins Zeug legen kann. Doch sei´s drum! „The obsidian conspiracy“ bietet genügend positive Aspekte, die derartige Mängel locker überspielen und vergessen machen. Für den unangefochtenen Status eines Meisterwerkes reicht es letzten Endes zwar nicht, weitere fünf Jahre Pause sollten für den progressiven Power/Thrash-Fan hiermit aber definitiv zu meistern sein.

Anspieltipps:

  • She Comes In Colors
  • And The Maiden Spoke
  • The Obsidian Conspiracy
  • The Day You Built The Wall

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