Das Gezeichnete Ich - Das Gezeichnete Ich - Cover
Große Ansicht

Das Gezeichnete Ich Das Gezeichnete Ich


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 37 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Wo steckt Carmen Sandiego? Moment, falsche Trickfilmserie! Wer ist Das Gezeichnete Ich, müsste die Frage in diesem Fall lauten. Offiziell wurde nur bekannt gegeben, dass es sich um einen Mann handelt, er seinen Namen aus einem Gedicht von Gottfried Benn bezieht und in Brandenburg lebt. Das ist doch wunderbar! Entgegen des Trends immer gleich herausfinden zu müssen, wer demnächst bei Facebook gestalkt werden muss, kann man sich also mal ganz und gar auf die Musik konzentrieren. Vielleicht klappt es ja diesmal, da nicht ganz so schnell wie bei den Gorillaz (der prägnanten Stimme war Dank) das wahre Gesicht/der wahre Name bekannt werden sollte. Vielleicht interessiert es aber auch nicht nur uns in keinster Weise, sondern auch den Rest Deutschlands.

Vielmehr interessiert es, dass wieder ein Sprachakrobat im Mittelpunkt steht. Genau wie bei Voltaire, Wir Sind Helden und Klez.E hat Das Gezeichnete Ich es nicht so mit geradlinigen Gedankengängen. Die Texte sind irgendwo zwischen balladesk kitschig und dann doch kryptisch. Vollständige Sätze sind Raritäten und so sollte man genauer hinhören, wenn man die Gesamtidee erfassen möchte. Dass Das Gezeichnete Ich hierbei nicht zur Nischenmusik für Kopfhörerkinoliebhaber wird, ist dem Produzenten, so wie der nimmermüden Liebesthematik zu verdanken. Piano und Streicher sind Dauergäste auf diesem Album und reichen kräftigen, aber dezenten Beats die Hand, die das Gerüst für die heutige Popgesellschaft bilden. Es entsteht ein Klangerlebnis, dass bei Radiohörern das Gefühl weckt, sie würden sich auch der Klassik hingeben, nur um die Mozart-CD vom Grabbeltisch nach den ersten zwei Minuten in die Ecke zu feuern.

Das Gezeichnete Ich gibt dem Hörer und wahrscheinlich auch sich selbst die Illusion vor, es würde sich um etwas Gelehrtes, Intellektuelles handeln, dass da zum einen Ohr herein und zum anderen hinauswandert. Schön, wer glaubt vom Apfel der Erkenntnis gegessen zu haben, weil er das prächtige „Innen“ und das verboten eingängige „Hallelujah“ tadellos mitsingen kann. Es geht aber auch einfacher. Einfach mal bei Hardcore-Keane-Fans nachfragen. Wunderschöne Balladen brauchen keine philosophische Daseinsberechtigung,, da sie sich längst mit dem simpelsten und gleichzeitig am meisten komplizierten Thema der Welt auseinandersetzen. Tatsächlich trifft Das Gezeichnete Ich nicht selten den Ton, für den Keane so berühmt ist. Besonders britisch wird es in „Nebel“ mit rockigem Brit-Rock-Chorus. Geklaut? Durchaus. Gelungen? Aber hallo! Da kleckert die Sülze zwar immer mal wieder, aber wieder ist es der Produzent, der es verstanden hat, die Lieder in solch anmutige Soundgewänder zu packen, dass übertriefender Pathos nicht nur geduldet wird, sondern als einzig richtig für diesen Interpreten angesehen werden.

Das Gezeichnete Ich muss eigentlich ein riesiger Erfolg werden. Kitschig, pompös, zeitgemäß, bietet es bis auf R&B alles, was gerade in ist. Da müsste man schon gewaltig bei der PR pfuschen, wenn dieses Album keine hohe Verkaufszahl erreicht. Zu leicht geht dieser melancholische Pop in die Ohren und das Schlimmste daran ist: Er ist auch noch gut.

Anspieltipps:

  • Innen
  • Hallelujah
  • Nebel

Neue Kritiken im Genre „Pop“
5.5/10

Songs Of Experience
  • 2017    
Diskutiere über „Das Gezeichnete Ich“
comments powered by Disqus