The Roots - How I Got Over - Cover
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The Roots How I Got Over


  • Label: Def Jam/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 42 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Mahalia Jacksons Klassiker „How I Got Over“, der dem March on Washington eine gehörige Komponente schwarzen Soul verlieh, ehe Martin Luther King zu seinen berühmten Worten ansetzte, ist nicht von ungefähr Titel des neunten Studioalbums der mit Niveaugarantie ausgestatteten Roots. Das Sozialengagement der Kombo um die Gründungsköpfe ?uestlove und Black Thought ist wie zu den Mixtape-haften Anfängen des Jahres 1987 unverändert.

The Roots beklagen Ellbogenmentalitäten, egomane Gier und die Benachteiligungen großstädtischer Minderheiten mit endlosen Anekdoten des harten Straßenlebens vor allem Philadelphias. Der Rest fällt ziemlich anders aus. Die Roots legen vielleicht ihre in sich geschlossenste, kohärenteste Platte ihrer illustren Karriere vor. Ihr Markenzeichen des Organic HipHop, da sie in ihrem Genre Sample-Minimalisten sind und mit echten Instrumenten statt Beat-Maschinen operieren, gerät diesmal deutlich aus den Fugen. Will heißen: eigentlich ist das kein HipHop mehr. So viel Soul, so viel geschmeidiger Charme ohne Kuschelmusik zu sein, sondern die diversen Ernste des Lebens anzusprechen, hatten die Roots bis dato noch nicht auf Lager. Natürlich rappen Black Thought, und diesmal auch wieder Dice Raw, kräftig drauflos, doch steht das soulige gecroone stilistisch eindeutig im Vordergrund. Es ist die schwarze Mentalität der musikalischen Beklagung die dieses Album so schön macht, vielleicht erst nach einigen Durchläufen und ohne sofort einnehmende Killersongs, aber als geschlossen Werk wunderschön anzuhören.

Ob „Radio Daze“, „Now Or Never“ oder der Titelsong, ob die manische, jazz-virtuose Hi-Hat-Bearbeitung des bärigen ?uestlove bei „Now Or Never“, die schlagartig entspannt machenden Bassläufe in den Meisten Nummern, ins weiche Herz treffende Piano- oder Keyboardklänge oder die die Songs bereichernden Gästsänger: das neue Werk der Roots ist so rund und geschmeidig und dabei trotzdem nicht banal, dass man den Hut ziehen möchte. „Things Fall Apart“ mag ihr stärkstes HipHop-Album bleiben, hier aber zementieren sie ihren musikalischen Anspruch weit über dicke Beats und fette Rhymes hinaus. Das so unterschiedliche Musiker wie Dirty Projektors Haley Dekle, die Soul-Größe John Legend („The Fire“) oder Patty Crash („The Day“) mitwirken, erzeugt die gut gemixte stimmliche Abwechslung im kohärenten Sound auf „How I Got Over“. Dass darüber hinaus noch einer der schönsten frühen Stücke der Harfen-Virtuosin Joanna Newsom gesampled und weniger gecovert als vielmehr mit einer souligen Melodieidee zu einem neuen Song aufgepeppt wurde („Right On“), überrascht im zweiten Teil mehr als angenehm. Die wenigen eingestreuten HipHop-Stücke („Web 20/20“) betten sich prima ein, die Roots sind echte Musikerprofis und nicht etwa unverdient zu Dollars gekommene Sprücheklopfer. Aber das weiß man ja schon lange.

Das neunte Studioalbum der Roots ist ein stiller Quell kreativen HipHop-Souls, das mit zunehmendem Konsum mehr und mehr zu überzeugen weiß. Nach den leicht verdaulichen Werken der letzten Jahre hier mal ein schöner, andersartiger Herausrager aus dem Lebenswerk. Kurz, knackig, soulig und stark. The Roots bleiben Garanten kreativer moderner Musik, gespeist aus den tiefen einer wunderschön schwarzen und empfindsamen Seele.

Anspieltipps:

  • Radio Daze (feat. Blu, P.O.R.N., Dice Raw)
  • Now Or Never (feat. Phonte, Dice Raw)
  • How I Got Over (feat. Dice Raw)
  • The Day (feat. Blu, Phonte, Patty Cash)
  • Right On (feat. Joanna Newsome, STS)
  • The Fire (feat. John Legend)
  • Web 20/20 (feat. Peedi Peedi, Truck North)
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