Katy Perry - Teenage Dream - Cover
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Katy Perry Teenage Dream


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 47 Minuten
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3.5/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

In der heutigen Zeit muss mit härteren Bandagen gekämpft werden, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Penis. Geschockt? Nun, in der heutigen Zeit muss eben mit härteren Bandagen gekämpft werden, um Aufmerksamkeit zu erregen, denn wenn langjährige Musikschaffende am besten mit Skandalen, falschem Benehmen oder unangebrachter Freizügigkeit öffentliche Empörung auslösen und so im Gespräch bleiben, dann darf das der ehrenwerte Verfasser dieser Zeilen immerhin auch oder etwa nicht? Aber wie weit darf ein kontrolliertes „Über-die-Stränge-schlagen“ eigentlich gehen? Ist der Gebrauch von Kraft- oder Fäkalausdrücken nur solange erwünscht wie es der Sache dienlich ist oder kann das Wort „Scheiße“ als Stilmittel beliebig oft verwendet werden? Und überhaupt: Ist es ratsam eine Floskel wie „feucht im Schritt“ zu verwenden, wenn man gar keine Ejakulation beim Hören eines bestimmten Songs hatte? Fragen, die Katy Perry wohl schon länger nicht mehr beschäftigten dürften, immerhin macht die 25jährige seit ihrem internationalen Durchbruch mit „One of the boys“ (09/2008) und den dazugehörigen, mehrfachplatinveredelten Singles „I kissed a girl“ und „Hot´n´cold“ ohnehin was sie will und wann sie es will.

Das wandelnde Pin Up-Girl nutzt das Überschreiten jeglicher Grenzen und die damit verbundene Provokation gekonnt aus, versetzt die Kritiker in Rage und die Fans in freudige Brunftschreie, wenn mal wieder ein allzu laszives bzw. aufrührerisches Foto auftaucht und der Presse zum Fraß vorgeworfen wird. Schlagobersdosen werden als dekoratives Element an den BH geheftet, ein Bild mit Messer bekommt (bewusst oder unbewusst?) zum falschen Zeitpunkt veröffentlicht unliebsame Publicity und was die Gute alles über Twitter tagtäglich preisgibt, übertrifft sich beinahe jedes Mal aufs Neue, sodass der musikalische Output von Katy nach und nach zu einer Nebensache geraten ist. Da der kommerziell wichtige 2-Jahresplan jedoch eingehalten werden muss und sich Miss Pastorentochter nicht um alles kümmern kann, wurde dieses Mal im Vergleich zu „One of the boys“ sämtliches Songwriting an die eingekauften Schreiber und Produzenten abgetreten, die „Teenage dream“ zu einer feuchtfröhlichen Partyscheibe werden ließen, die den charmanten Vorgänger in allen Belangen toppen soll.

„Ich ziehe auf dieser Platte wirklich alle Register. Man bekommt das süß Verführerische, aber auch das Gefühl, „Oh Gott“, dafür musste sie sich aber erst einmal hinsetzen um all das loszuwerden“ erklärt die selbsternannte Popdiva und der geneigte Hörer wird bald einsehen, wie recht sie damit hat. Perry streift nämlich das erdig-rockige Beinkleid ab und konzentriert sich voll und ganz auf kratzige bis pumpende Computersounds, die stets von einer unerschütterlichen Basslawine begleitet werden. Die ganz netten Vorboten „California gurls“ und „Teenage dream“ sind daher im Nachhinein betrachtet nicht anderes als Blender, die ein munter-aufgewecktes Sommeralbum versprechen, das aber letzten Endes von der eigenen Wucht und Primitivität erschlagen wird. „Firework“ (Zitat: „Boom, boom, boom / Even brighter than the moon, moon, moon“) landet demzufolge in der nächstbesten Mallorcadisco gleich neben Markus Becker und Mickie Krause, „Peacock“ klaut ungeniert bei Avril Lavignes „Girlfriend“, „The one that got away“ hechtet dem knackigen „Maneater“ (Nelly Furtado) hinterher, „E.T.“ darf „All the things she said“ (t.A.T.u.) neu interpretieren und überhaupt wirkt alles auf „Teenage dream“ leicht antiquiert, überholt und künstlich. Wieso Katy das natürliche Augenzwinkern ihres Majordebüts für diese billigen Bollerbeats aufgegeben hat, weiß der Teufel.

Somit wird aus dem erhofften Tagtraum leider bittere Realität, die in Zeiten von Black Eyed Peas, David Guetta & Co. erschreckend flach ist und selbst die Rückkehr zu mehr rockiger Glückseligkeit („Hummingbird heartbeat“) oder balladeskem Feenglanz („Not like the movies“) ist mehr einer unsichtbaren Checkliste zu verdanken um stilistische Abwechslung zu garantieren denn der Drang eine packende oder berührende Geschichte zu erzählen. „Teenage dream“ riecht beim Auspacken nicht nur nach Zuckerwatte (Tatsache!!), „Teenage dream“ ist Zuckerwatte: Süß, verführerisch und zuckerlrosa, aber wenn man sie ein bisschen feucht macht, bleibt nicht mehr als ein unförmiger, ungenießbarer Klumpen übrig, der das ganze Karies nicht wert ist.

Anspieltipps:

  • E.T.
  • California Gurls
  • Circle The Drain

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