Wir Sind Helden - Bring Mich Nach Hause - Cover
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Wir Sind Helden Bring Mich Nach Hause


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 48 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Drastisch gesunkene Verkaufszahlen, viel zu viele Nachahmer, schmerzhafter Labelwechsel, doppelter Familienzuwachs, mehrjährige Pause – bei Wir Sind Helden ging es nach ihrem dritten Studioalbum „Soundso“ (05/2007) ganz schön rund und Pop-Deutschland fragte sich bereits besorgt, ob die Wegbereiter für all die Silbermonde und Julis noch eine Zukunft haben. Hat Judith Holofernes (33) nicht schon alles gesagt, was wichtig, witzig und intelligent ist? Lässt sich mit Synthie-gefärbtem Post-NDW-Pop heute noch ein Staat machen? Schwerwiegende Fragen, auf die Wir Sind Helden auf „Bring mich nach Hause“ Antworten gefunden haben.

Musikalisch haben Wir Sind Helden von elektronischen Elementen weitgehend Abstand genommen und ein durch und durch organisches, handgemachtes Album eingespielt, das mit einer erstaunlichen instrumentalen Bandbreite daherkommt. In den neuen, live eingespielten Liedern steckt jetzt deutlich mehr Folkrock als Elektro-Pop, ohne dass die Band nicht ebenso leicht wieder zu erkennen wäre. Inhaltlich sind die Texte von Judith Holofernes weniger plakativ und gesellschaftsbeobachtend geworden. Ihre erzählerische Perspektive hat sich gewandelt und ist persönlicher und ichbezogener geworden.

Das kommt durchaus einer Neuerfindung gleich, zu der sowohl der britische Produzent Ian Davenport (Band Of Skulls, Athlete, Badly Drawn Boy) als auch Tele-Bassist Jörg Holdinghausen als Gastmusiker beigetragen haben. Vor allem Holdinghausen sorgt mit seinem Spiel für einen warmen Klang, der für den Gesamtsound richtungweisend ist. Denn auf „Bring mich nach Hause“ werden keine Computerprogramme mehr bemüht, sondern in einen üppig gefüllten Instrumentenschrank gegriffen, in dem sich Banjo, Cajun Akkordeon, Hammond Orgel, Trompete und Piano wieder finden.

Die gewisse Verschrobenheit in ihren Arrangements haben sich Wir Sind Helden dabei bewahrt, nur klingen die Songs jetzt erwachsener und weniger zickig. Entsprechend fallen auch die so genannten Hits des Album anders aus. Prinzipiell gibt es keine reinen Party-Singalongs wie „Denkmal“ oder „Nur ein Wort“ mehr, auch wenn Tracks wie „Kreise“ oder das beschwingte „Die Träume anderer Leute“ (dessen Text allerdings zu schwermütig ausfällt) tendenziell dafür infrage kämen. Dafür erzeugt der balladeske Titeltrack mit traurigen Bläsern und einer erhabenen Melodie pure Gänsehaut, „Flucht in Ketten“ schleicht sich unaufdringlich in Herz und Ohr, „Die Ballade von Wolfgang und Brigitte“ verbindet eine schräge, aber toll erzählte Beziehungsgeschichte mit einer zu Tränen rührenden Melodie, die für diese Welt viel zu gut ist, während „Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt“ in die Abteilung „grenzwertiger Humor“ gehört.

Es fühlt sich so an, als stünden Wir Sind Helden mit ihrem neuen Werk am Scheideweg. Denn „Bring mich nach Hause“ ist nach allen positiven wie negativen Veränderungen in den vergangenen drei Jahren so etwas wie ein Neuanfang für das Quintett, der über den Fortgang der Karriere entscheidet: Schrumpfen sich Wir Sind Helden tatsächlich zurück in alte, glückselige Indie-Zeiten oder spielt die Band weiterhin eine gewichtige Rolle in Pop-Deutschland? Die endgültige Aufklärung gibt der kaufwillige Hörer, doch die musikalische Vorlage ist so gut, dass die Antwort so oder so nur positiv ausfallen kann.

Anspieltipps:

  • Kreise
  • Flucht in Ketten
  • Im Auge des Sturms
  • Bring mich nach Hause
  • Die Ballade von Wolfgang und Brigitte

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