Serj Tankian - Imperfect Harmonies - Cover
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Serj Tankian Imperfect Harmonies


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 44 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Man kann ja fast gar nicht anders, als diesen Serj Tankian höchst imposant zu finden. Der Wahlamerikaner mit armenischen und libanesischen Wurzeln erlangte verdienten Weltruhm als Sänger von System Of A Down und wandelt seitdem auch immer wieder auf nicht minder kreativen Solopfaden, angefangen 2002 mit „Serart“, dem ersten Album auf Tankians eigenem Label, welches zusammen mit dem ebenfalls armenischen Musiker Arto Tuncboyaciyan entstand. Neben der Musik engagiert er sich leidenschaftlich für Politik und Tierschutz und veröffentlicht zudem bald seinen zweiten Gedichtband. Das alles fließt natürlich in seine Hauptbeschäftigung mit ein.

Das erste Serj Tankian Album „Elect The Dead“ (2008) wies noch einige Parallelen zu der Musik seiner bis auf weiteres auf Eis gelegten Hauptband auf, schnitt jedoch deutlich eigensinniger, melodiöser und verspielter ab als das krachende Soloprojekt von SOAD-Kollege Daron Malakian – Scars On Broadway. Im Frühjahr 2010 überraschte Tankian die Welt dann mit einem außergewöhnlichen Livealbum, auf dem seine bisherigen Songs mit einem Orchester neu interpretiert wurden. Diese Erfahrung scheint das dritte Album, dessen Cover der Name Serj Tankians ziert, maßgeblich beeinflusst zu haben.

Auf „Imperfect Harmonies“ erklingt nämlich sogar im Studio ein ganzes Orchester, was aber bei weitem noch nicht alles ist. Das Album schlägt bewusst eine andere Richtung als „Elect The Dead“ ein und ist darauf fokussiert, verschiedene Musikrichtungen miteinander zu verschmelzen. Das Ergebnis wird offiziell Electro-Orchestral-Jazz-Rock genannt, was in der Tat die wohl treffendste Bezeichnung ist. „Imperfect Harmonies“ ist sehr ruhig geworden, stellt dafür aber geradezu eine spirituelle Musik-Reise dar.

Nach eigenen Angaben bestehen die Songs aus etwa 150 bis 200 einzelnen Tonspuren, was doch deutlich über dem Durchschnitt liegt. Die Kunst dabei ist, dass die Lieder dadurch nicht überladen klingen, sondern lediglich ganz neue Klangerlebnisse eröffnen. Der Opener „Disowned Inc.“ breitet sofort einen eindrucksvollen Klangteppich aus und hält die so gewonnene Aufmerksamkeit des Hörers anschließend mit ein paar kuriosen Jazz-Einlagen am leben. Anschließend offenbart sich ein interessantes Konzept: Mit jedem der folgenden drei Songs, „Boders Are…“, „Deserving?“ und „Beatus“, wird es immer ein bisschen stiller, was in diesem Fall wirkt, als würde das Album den Hörer langsam in einen träumerischen Sog ziehen.

Ab „Reconstructive Demonstrations“ wäre dann eine Art Wecksignal angebracht gewesen, um die Aufmerksamkeit konstant zu halten. Doch auch diese Nummer gibt sich eher besinnlich und ist sogar die längste der Platte. Dafür besticht „Electron“ durch einen zackigen Beat, der erstaunlich gut mit den Streichern und rockigen Passagen harmoniert. Die kurze Ballade „Gate 21“, die bereits auf „Elect The Dead Symphony“ Premiere feierte, ist dagegen konsequent auf Orchester und Klavier reduziert. „Yes, It’s Genocide“ ist gleich in dreifacher Hinsicht besonders markant, da der Text offensichtlich in Tankians Muttersprache gesungen ist, entsprechende folklorische Elemente enthält und durch dezenten Operngesang unterstützt wird.

Erst nach „Peace Be Revenged“ bildet sich wieder ein klarer Höhepunkt des Albums heraus: Die verhältnismäßig fetzige Single „Left of Center“, die gut im Ohr bleibt und wohl die Brücke von „Elect The Dead“ zu „Imperfect Harmonies“ darstellt. Abgerundet wird schließlich mit der hübsch melancholischen Ballade „Wings of Summer“, wo Tankians Detailverliebtheit in den Arrangements besonders gut herauskommt, z.B. wenn man die sanfte Trompete oder die Stelle, an der die Gastsängerin kurz lacht, entdeckt.

Kaum ein im Mainstream erfolgreicher Musiker experimentiert so geschickt mit Tönen und Musikstilen wie der Avantgardist Serj Tankian. Seine dritte Scheibe „Imperfect Harmonies“ ist ein Album, in das man sich wunderbar mit geschlossenen Augen fallen lassen kann. Fans der Person Serj Tankian werden es lieben; Fans des SOAD-Musikers Serj Tankian werden eine längere Eingewöhnungszeit brauchen, da der gewohnte Gitarrenrock diesmal wegfällt. Für einen mitreißenden Spannungsbogen wären ein, zwei weitere Songs mit der Intensität von „Left of Center“ sehr ratsam gewesen. Vielleicht ist „Imperfect Harmonies“ eine Spur zu verträumt. Doch entscheidend ist, wie selten originell Tankians Schöpfung namens Electro-Orchestral-Jazz-Rock klingt und wie erstaunlich gut sie funktioniert, perfekt ergänzt durch die tiefsinnigen, sehr sinnbildlichen, markant gesungenen Texte. Der Mann weiß wieder mal zu verzaubern.

Anspieltipps:

  • Disowned Inc.
  • Deserving?
  • Beatus
  • Left of Center

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