My Sister Grenadine - Subtitles & Paper Planes - Cover
Große Ansicht

My Sister Grenadine Subtitles & Paper Planes


  • Label: Solaris Empire/Broken Silence
  • Laufzeit: 53 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer auf kontrollierten Wahnsinn im Gewand von Art-Pop-Künstlern steht, sollte ein Ohr riskieren.

„Die Zeit“ jubilierte 2008, als sie in My Sister Grenadines Debüt „Shine In The Dark“ ihr Singer/Songwriter-Album des Jahres fanden. Angestachelt von solch einer Ehrung kommt Vincenz Kokot keine zwei Jahre später mit einem Album zurück, das eher die Bezeichnung Doppel-EP verdient. „Subtitles & Paper Planes“ besteht zur einen Hälfte (also zur ersten CD) als Akustikstücken, die viel mit Stimmenakrobatik, verrückten Details und einer Extraportion Ukulele arbeiten und dann noch aus etwas konventionelleren Liedern, die sich dem Klang der E-Gitarre hingeben und nicht ganz so experimentell und minimalistisch klingen.

„Fireworks“ enttäuscht mit seiner übertrieben minimalistischen Art und einer Melodie, die nicht über Kinderlied-Niveau hinaus reicht. Danach geht es jedoch steil bergauf, wenn zwei Indie-Perlen sich im Kanal unserer Boxen sonnen. „At Night I Fell Asleep“ und „Those Icicles“ begeistern mit gekonnten Einsätzen von Streichern, Bläsern, Glockenspiel, Vocal-Einlagen und bezaubernder Stimmung. So muss Ukelele-Akusitk-Pop mit Hang zur Kunst klingen. Dass die ganze Experimentierwut auch nach hinten losgehen kann, zeigt sich im anschließenden „Pour Les Oiseaux“. Versetzter Gesang, der die zerbrechliche Stimmung ebenso stört, wie das aggressive Bläsersolo. Hier ist es wieder zu viel des guten, sodass Kokot den Fluss dieses Stücks kein einziges Mal entstehen lässt. Die einen nennen so was Mindfuck, die anderen schütteln den Kopf. Und bei solch einer zerbrechlichen Hülle können wir nur mit dem Kopf schütteln, was diese Ausbremsung jeglicher Dynamik angeht.

Die Stimmen stehen während der ersten Hälfte klar im Vordergrund und klingen so echt, wie man es sonst nur noch von Sufjan Stevens kennt. Als könnte man spüren, wie die Sänger ins Mikrofon hauchen und man hier und da ein unnötiges Atmen und einen zu lauten Ton hört, der im Normalfall wegproduziert wird. So entstehen verträumt verrückte Stücke („This Silence“), bedrückende Schlaflieder („Au Bout De La Station“) und beschwinte Schauersongs („Snapshot Song“). Da fragt man sich, wie die – so genannte - konventionelle Seite da mithalten will.

Die Antwort ist schlichtweg genial und heißt „Pacific“. Langes Instrumental-Intro, Backvocalstimmakrobatik als Kontrapunkt zum sanften Gesang und eine Gitarre, die so rau und echt klingen darf, wie sie will. So muss Indie-Soft-Rock klingen. Genau so! Überhaupt schafft My Sister Grenadine die Gitarre in einer Art traurig klingen zu lassen, wie man es sonst von Joycehotel kennt (wenn man diese denn kennt). Durch den fehlenden Experimentierfaktor kommen die Stücke der zweiten CD leichter ins Ohr. Dort sorgen sie mit ihrer überwiegend trüben Stimmung jedoch für größere Verwirrung, als die Klangexperimente des ersten Teils.

Höhepunkte dafür sind das einem Sampler gleichende Radiohead-Gedächtnis-Lied „Twenty-Four Times“, sowie die Klangcollage „The Greenhouse“, die sich im Zeitraffer, um die eigene Melodie zu drehen scheint. Ansonsten wird man auch hier mit sachten, wohligen Tönen („Levity’s Hero“) oder kalten, nachdenklichen oder auch durchgedrehten Liedern bombardiert („A Happy Heart“). Insgesamt ist ein mehr als interessantes Erlebnis herausgekommen und wer auf kontrollierten Wahnsinn im Gewand von Art-Pop-Künstlern steht, der sollte ein Ohr riskieren.

Anspieltipps:

  • At Night I Fell Asleep
  • Au Bout De La Station
  • Twenty-Four Times
  • Pacific

Neue Kritiken im Genre „Singer/Songwriter“
8/10

The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere
  • 2017    
6.5/10

Trouble No More: Bootleg Series Vol. 13 (1979-1981)
  • 2017    
Diskutiere über „My Sister Grenadine“
comments powered by Disqus