The Rolling Stones - Stones In Exile - Cover
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The Rolling Stones Stones In Exile


  • Label: Eagle Rock/EDEL
  • Laufzeit: 143 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Geld floss in Strömen und wir hatten immer Schulden. Keiner von uns hatte seine Steuern bezahlt.

Seit „A bigger bang“ (09/2005) sind mittlerweile fast fünf Jahre vergangen und noch gibt es keine Anzeichen auf ein neues Studioalbum oder den wohlverdienten Ruhestand der dienstältesten Rockband des Planeten. Warum auch? Jede Tour, Wiederveröffentlichung oder Konzert-DVD spült Geld in die Kassen und für ein groß angelegtes Comeback sind die Herrschaften Jagger, Richards, Watts und Wood schon etwas zu alt. Der jahrelange Fan muss sich daher mit Re-Releases begnügen, die möglicherweise neues Archivmaterial aus irgendeiner verstaubten Kiste ans Tageslicht befördern und auf diesem Weg den Mehrwert einer ansonsten zwiespältigen Neuauflage steigern. So geschehen im Falle des seinerzeit kritisierten, aber nach und nach in den Status des Opus Magnum gehobenen „Exile on Main Street“ (05/1972), das am 14. Mai 2010 seine große Wiederauferstehung feiern durfte. Ein sakraler Akt, der nicht nur mit einer Standard-, Deluxe- und Limited Super Deluxe-Edition abgehalten wurde, sondern auch in Sphären vorstieß, die selbst dicke Geldbeutel schlank aussehen lässt, denn immerhin wartet auf den Überfan ein weltweit auf 800 Stück limitiertes Riesenpackage, gefüllt mit unter anderem drei handsignierten Lithografien, die bereits in den 70er Jahren gedruckt wurden, ein Tourbuch, ein verchromter Schlüsselanhänger, eine handgearbeitete Mappe mit Archivfotos und natürlich die Limited Super Deluxe-Edition bestehend aus Doppel-CD, Doppel-LP und einer DVD zum stolzen Preis von knapp 2,500 Euro.

Wem das ein wenig zu teuer ist und „Exile on Main Street“ schon im Schrank stehen hat, für den könnte die neue Dokumentation „Stones in exile“ gerade recht sein, schließlich versucht sie die Entstehungsgeschichte eines der besten Alben der Rockgeschichte anhand von Archivaufnahmen, Interviews und neu gedrehtem Material an Originalschauplätzen dem wissensdurstigen Stones-Anhänger näher zu bringen. Angefangen bei der Abreise nach Frankreich („Wir hatten hart gearbeitet, wir waren sehr erfolgreich, wir hatten viele Platten verkauft, aber wir wurden dafür nicht bezahlt, weil im Plattenvertrag so geringe Tantiemen vereinbart waren. Das Geld floss in Strömen und wir hatten immer Schulden. Keiner von uns hatte seine Steuern bezahlt. Wir dachten, wir hätten es. Wir dachten, es hätte sich jemand drum gekümmert, dem war aber nicht so. Unter der Labour-Regierung von Wilson betrug der Steuersatz 93%. Wenn man also eine Million Pfund verdiente, was wir nicht taten, blieben einem letztendlich 70.000. Es war also unmöglich, genug Geld zu verdienen, um die Steuern zurückzuzahlen und in England zu bleiben.“), wo die Rolling Stones in der Villa Nellcote mit der Arbeit an ihrem epochalen Doppelalbum begangen, über ihre Eindrücke vor Ort, wie sie Lebensmittel aus England importierten um z.B. ihren gewohnten Tee zu trinken, den häufigen Genuss von Drogen und Alkohol („Oh ja, da lag überall Gras rum, da waren Whiskyflaschen, Champagnerflaschen und leicht bekleidete Frauen liefen da rum. Klar! Das war Rock´n´Roll, Mann!“), bis hin zur neuerlichen Flucht nach Los Angeles, wo „Exile on Main Street“ fertig gestellt wurde, die einstündige Dokumentation entmystifiziert systematisch den Zauber, der das Meisterwerk der Stones umgibt.

Dabei ist nicht unbedingt der gezeigte, dekadente Lebensstil gemeint oder die ständige Betonung auf eine neu gefundene Selbstständigkeit mit gezücktem Mittelfinger, die sich auch in dem nach allen Richtungen ausstreckenden Album manifestierte, sondern die allzu ehrlichen Momente, in denen man Richards & Co. anmerkt, dass sie nicht völlig Herr der Lage waren und Vieles nur mehr erledigt wissen wollten („Für „Casino boogie“ hatte ich gar keinen Text parat, also machten Keith und ich es wie William Burroughs und schnitten kleine Schnipsel. Ich schrieb Sätze auf Zettel, die wir auf einen Haufen warfen und wieder rauszogen.“) um sich wieder gut gepolstert zurücklehnen zu können. Als Draufgabe gibt es abseits des Hauptteils noch eine ziemlich umfangreiche Bonussektion, die allerdings mehr Quantität denn Qualität versprüht, da die längeren Interviews mit Richards & Co. zu bestimmten Themenkreisen wie dem Umzug nach Frankreich oder den 70er Jahren zwar noch recht interessant sind, aber die kurzen Sequenzen über die Rückkehr zum Stargroves-Anwesen, wo die ersten Aufnahmen wie „Sweet black angel“ entstanden, und den Olympic Studios, sowie die Befragung von prominenten, zeitgenössischen Musikern, Künstlern oder Produzenten wie Caleb Followill (Kings Of Leon), Jack White (The White Stripes), Sheryl Crow, Benicio del Toro, Will.I.Am (The Black Eyed Peas), Don Was oder Martin Scorcese meist zu subjektiv und oberflächlich sind um annähernd informativen Charakter zu besitzen.
Fazit: Wer sich auf eine schonungslose, wenn nicht sogar unbedacht gefilmte Authentizität einlassen will, sollte „Stones in exile“ demnächst auf seinen Einkaufszettel schreiben.

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