Linkin Park - A Thousand Suns - Cover
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Linkin Park A Thousand Suns


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 47 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„A Thousand Suns“ ist ein fader Ambient-/Electro-artiger Brei, bei dem man eine schrammelnde E-Gitarre völlig vergebens sucht.

Was ist bloß in die gefahren? Was haben sich Linkin Park und Produzent Rick Rubin reingepfiffen, um nach drei Jahren Wartezeit diesen Experimental-Trip namens „A Thousand Suns“ vorzuzeigen? Aber der Reihe nach. Im Jahre 2000 ließen die im Untergrund schon wesentlich länger bestehenden Linkin Park mit ihrem Debüt „Hybrid Theory“ einen Meilenstein des damals schwer angesagten Genres Nu Metal auf die Menschheit los, eigentlich nur übertroffen von Korn’s „Follow The Leader“ (1998) und Limp Bizkit’s „Chocolate Starfish and the Hot Dog Flavoured Water“ (2000). Die Verkaufszahlen und Auszeichnungen waren überwältigend. Und das sollte leider auch schon der Gipfel der Linkin Park Karriere gewesen sein.

2002 folgte das unnötige Remix Album „Reanimation“ und ein Jahr drauf „Meteora“, das auf Nummer sicher ging und ganz in Tradition von „Hybrid Theory“ ebenfalls Crossover-Rock vom Feinsten bot, nur eben ohne den Frischebonus. Erst vier Jahre später, nachdem sich MC Mike Shinoda in seinem Nebenprojekt Fort Minor austobte und Linkin Park ein überraschendes Mash Up mit Jay-Z („Numb/Encore“ etc.) veranstaltete, erschien das vierte Studioalbum „Minutes To Midnight“ – fast eine 180-Grad-Wende. Der weichgespülte Alternative Rock/Pop, mit dem die Jungs sich zurückmeldeten, schockierte die Fans.

Nachdem sich der Schreck gelegt hatte, konnte man „Minutes To Midnight“ irgendwann auch einige gute Momente abgewinnen und wenigstens ein paar Verweise auf „alte Zeiten“ ausmachen. Neu hinzugekommene Fans durften sich über eine nette Mainstream-Scheibe zum Mitträllern freuen. Doch Linkin Park, wie man sie damals kennen und lieben gelernt hatte, sollten für immer passé sein. Hoffnung auf Rückbesinnung zum ursprünglichen Erfolgsrezept, inklusive Nostalgiewert, wie es z.B. bei Limp Bizkit glücklicherweise der Fall ist, besteht bei Linkin Park nicht. Bassist Phoenix spricht in einem MTV-Interview über „A Thousand Suns“ davon, dass man sich nicht wiederholen wollte und betont „Expect the unexpected”. Schön und gut, doch wenn man den Erwartungen der Fans zugunsten schräger Experimente so konsequent den Rücken kehrt und obendrein schlichtweg langweilige Musik ohne Dynamik herauskommt, muss man sich wirklich nicht wundern, wenn der Kanon wie folgt lauten wird: „A Thousand Suns“ ist ein einziges Trauerspiel.

Mit „The Requiem“ und „The Radiance“ gibt es gleich zwei Intros am Stück. Etwas zu viel des Guten, jedoch durchaus ein atmosphärisch dichter Spannungsaufbau. Aber wofür eigentlich? Das folgende „Burning In The Skies“ ist nur die erste von vielen Schlaftabletten. Ein Radiolied, aber nicht einmal eines von denen, die man aufdreht. „Empty Spaces“ sind 18 Sekunden Grillenzirpen. „When They Come For Me“ lässt dann endlich aufhorchen. Mike Shinoda rapt auf einen wirklich coolen, ausgefallenen Beat, den auch Timbaland nicht hätte besser machen können. Leider fehlt ein richtiger Refrain; dafür verleihen die melodischen Passagen dem Stück einen orientalischen Touch. „Robot Boy“ entpuppt sich als ein kruder Ambient-artiger, live kaum umsetzbarer Track mit kaum mehr als einer verzerrten, sich permanent wiederholenden Gesangslinie.

Die Albummitte wird von „Jornada Del Muerto“ eingeläutet, eine Art Reprise von „Robot Boy“ mit einer Laufzeit von 1:35. Überhaupt sind sechs Titel der Platte nur Intro oder kurzes Zwischenspiel. Bleiben noch neun vollwertige Songs. Einer davon ist das folgende Gutenachtlied „Waiting For The End“, angesetzt als zweite Single. In „Blackout“ hört man Sänger Chester Bennington zum ersten (und einzigen) Mal auf dem Album schreien. Höhepunkt ist aber der wilde Mittelteil mit viel Scratching und sonstigen elektronischen Verzerrungen, über die man wenigstens lächeln kann. „Wretches And Kings“ beginnt mit einem Auszug aus irgendeiner hysterischen Rede von irgendjemandem – ein nur allzu häufig verwendetes Stilmittel – und mündet dann in einen fetten Beat mit Gangsta-Rap von Shinoda und monotonem Refrain von Bennington. Diesmal sind die HipHop-Anleihen überhaupt die einzigen energiegeladenen Momente auf dem Album.

Auf das betrübende Intermezzo „Wisdom, Justice And Love“ folgt „Iridescent“, das entfernt an „Shadow Of The Day“ vom Vorgängeralbum erinnert. Auch nicht der Rede wert also. Nach der letzten Unterbrechung („Fallout“) kommt dann endlich die bereits bekannte Vorabsingle „The Catalyst“. Kein Kommentar. Für den Abschluss haben sich Linkin Park eine kleine Überraschung einfallen lassen. „The Messenger“ ist eine kurze Akustikgitarrenballade (!), wo Chester sich nochmal an seine gesanglichen Grenzen bringt. Hörenswert alleine durch die Abweichung von den restlichen Songs. Und das war’s dann auch.

„A Thousand Suns“ ist ein fader Ambient-/Electro-artiger Brei, bei dem man eine schrammelnde E-Gitarre völlig vergebens sucht. Manchmal scheint sich so etwas wie Rock fast verzweifelt entfalten zu wollen, wird aber am Mischpult im Keim erstickt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die obige Bezeichnung Nu-Rock steht dort nur aus Gründen der Einheitlichkeit. „A Thousand Suns“ hat natürlich nichts mehr damit zu tun. Die betont ruhige und auf Atmosphäre fokussierte Machart dürfte bei Hörern aus fremden Lagern durchaus Anklang finden. Ein paar gelungene Beats und Melodien, die im Ohr bleiben muss man dem Album auch zu gestehen. Als Linkin Park Album ist es trotzdem ein Totalausfall. Man muss so einer Band ein paar Ausflüge in neue Stilrichtungen ja nicht zwangsläufig verübeln. Doch so ermüdend, wie die Wandlung der sechs Herren ausfällt, bleibt nur noch zu sagen: Tschüss Linkin Park.

Anspieltipps:

  • When They Come For Me
  • Blackout
  • Wretches And Kings
  • The Messenger

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