Justus Parker - Exil Oder Disko - Cover
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Justus Parker Exil Oder Disko


  • Label: Smarten Up/Rough Trade
  • Laufzeit: 50 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Deutsche Musik ist nicht mehr so schwach auf der Brust, wie noch vor einer Dekade. Es hat sich etwas getan in Deutschland. Die Ärzte und die Toten Hosen sind nicht mehr allein auf weiter Flur, sondern neben ihnen rocken Madsen, Wir Sind Helden, Juli, Silbermond, Voltaire und viele andere Bands, die nicht mehr einfach nur deutsch klingen, die Republik. In die Reihe dieser erfolgreichen Bands will sich jetzt auch Justus Parker einen Platz an der finanziellen Sonne sichern. Dabei wird auf britische Sounds gesetzt und deutsche Sprache.

Doppelte Identifikation, wenn man so möchte, denn auch heute noch begeistern die Kollegen von der Insel mehr Hörer, als das deutsche Eigengewächs. Allerdings sind die Wuppertaler bei richtigem Hinhören nicht blind auf Erfolg aus, denn in der Klangwelt von Justus Parker gibt es genug Ecken und Kanten, sowie rohe Kraft statt einfacher Ohrwurmmelodien. Man liest von Vergleichen mit Maximo Park, Interpol und Franz Ferdinand. Von der Kraft, die die Musik der fünf Jungs ausstrahlt sollte man aber auf Heimatboden bleiben und Madsens Debüt zu Rate ziehen. Besonders der nicht immer saubere, aber immer herzhafte Gesang Sebastians erinnert an kratzende Passagen aus „Perfektion“ oder „Lüg Mich An“.

Die Untermalung der Instrumente klingt natürlich so, wie man es von eben genannten Brit-Rockern erwartet, aber die Sprachebene allein schafft es, diese Band deutsch klingen zu lassen, was ausnahmsweise nicht schlecht gemeint ist. Nur von den Vorbildern klauen wäre ja auch langweilig. So entstehen Lieder wie „Gut Informiert“ oder „Das Muss Wohl Liebe Sein“, die von den rasenden Lyrics, die sich um die kleinen, alltäglichen Probleme des Menschseins (Liebe, Aussehen, Tanzen, Isolation) drehen. Hier geht es, wie eben bei Madsens Debüt nicht darum, dass die Texte tiefsinnig sind, sondern dass sie es mit ihrer bloßen Kraft schaffen mitzureißen, obwohl es sich nicht um hochemotionale oder anspruchsvolle Texte handelt. Das ist auch eine Kunst und ein klarer Ausspruch für die Musik und die Art des Gesangs.

Über 50 Minuten verteilt gibt es natürlich immer wieder schwächere Momente, die entweder daraus resultieren, dass Sebastian nicht genug Kraft in seine Stimme packt, wie in „Tanz, Baby (solange du noch kannst)“, das unglücklich nach NDW schmeckt. Auch in „Ich erhöhe meine Geschwindigkeit“ stößt der Sänger von Justus Parker gesanglich an seine Grenzen. Dann gibt es noch den inflationären Einsatz der ewig selben Riffs in Arctic-Monkeys-Manier in der Mitte des Albums. Erst mit „Himmel explodiert“ bekommt man wieder eine Rockhymne nach all dem Franz-Ferdinand-Gedächtnis-Gedudel.

Natürlich klingt Justus Parker frisch, aber es fehlt die Abwechslung und die Eigeninitiative. Man kann nicht das Ziel der Pop-Reformation stellen, wenn man ausschließlich von der Insel klaut. Da doch lieber ein wenig Eigeninitiative wie bei den Helden und Voltaire oder wenigstens ein abwechslungsreiches Potpourri wie auf Madsens „Labyrinth“. Stattdessen präsentieren die Wuppertaler am Ende nach dem Rockblock einen Hymnen-Block. Auch das trashige „Am Ende kommen Touristen“, welches mit der absichtlich schrägen Stimme Sebastians nach Punk klingen will, kann höchstens ein kleines Schmunzeln entlocken. Justus Parker wissen nicht genau, wo sie hin wollen, was vom elektronischen Bonus Track bekräftigt wird.

Wenn sich genug Interessierte finden, kann noch ein zweites Album folgen, auf dem die Jungs mehr als nur guten Stilklau begehen können und den Gesang eindeutiger für ihren eigenen gebrauchen können. Bis dahin bleiben sie etwas, das nicht Fisch und nicht Fleisch ist.

Anspieltipps:

  • Gut Informiert
  • Das Muss Wohl Liebe Sein
  • Himmel Explodiert

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  • 2017    
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