Interpol - Interpol - Cover
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Interpol Interpol


  • Label: Cooperative/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 45 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Streng genommen ist „Interpol“ ein lediglich bedrückend mäßiges Album.

Schon das Artwork zum vierten Album von Interpol schreckt ab: Der Schriftzug der Band zerfällt in unzählige Teile. Und auch das Bandgefüge ist im Jahre 2010 angeknackst, denn das Bass-Aushängeschild Carlos Dengler hat die Gruppe verlassen, allerdings noch bis zum Abschluss der Aufnahmen an dem vierten Album mitgewirkt. Es stellt sich nach drei stilistisch sehr ähnlichen Alben folgende Frage: Beschreiten Interpol nun endlich neue Wege, nachdem bereits „Our Love To Admire“ (2007) zwar mit ausgefeiltem Songwriting glänzte, jedoch leicht festgefahren und in besonders unglücklichen Momenten uninspiriert wirkte? Eine gewisse Sterilität haftete der Sound- und visuellen Ästhetik der Band schon immer an (man schaue sich nur mal das Video zum Song „Lights“ an), doch hier überschreiten Interpol endgültig eine Grenze, durch dessen Bruch die Gruppe einen erstmalig komplett kalt lässt. Nein, nicht nur auf das Cover, sondern auch auf die Songs von „Interpol“ bezogen.

„Success“ stinkt als Opener im Vergleich mit „Pioneer To The Falls“, dem Meisterstück von „Our Love To Admire“, schon mal kräftig ab. Natürlich, ein so faszinierend beklemmendes Stück schreibt man eben nicht alle Tage. Doch Interpol wirken auch im Folgenden definitiv wie eine Selbstkopie. Sie scheinen den Zug endgültig verpasst zu haben, der sie mit auf eine Entdeckungsreise zu neuen, erfrischenden Klängen hätte mitnehmen können. So klingt die Band auf ihrem neuen Album streckenweise erschreckend festgefahren, undynamisch und belanglos. Ein Zeugnis, das man ihnen zu Zeiten von Liedern wie „NYC“ oder „Evil“ wohl nie hätte ausstellen wollen.

Der Soloausflug eines Paul Banks („Julian Plenti is... Skyscraper“) im letzten Jahr scheint beispielsweise an der Band unbemerkt vorbei gegangen zu sein. Und dennoch: Hier und da entwickeln Interpol noch immer starke Momente, die aufhorchen lassen: Da wäre zum Beispiel der Abschluss von „The Undoing” zu nennen, bei dem sich nach schleppendem Beginn anmutsvoll Bläser erheben. Die Band versucht es jedoch gar nicht erst, aus dem Sumpf ihres eigenen Schaffens auszubrechen, sondern watet weiterhin durch dicke Schichten aus Nebel und Dunkelheit, mit dem immer gleichen Ziel vor Augen: Interpol zu sein und zu bleiben. Diese Sturheit führt letztendlich dazu, dass da zwar immer noch diese einzigartige Atmosphäre geschaffen wird, die aber spätestens jetzt abgenutzt und alt wirkt. Im Vergleich dazu haben beispielsweise Editors mit einem neuen Sound zwar ihr Publikum polarisiert, aber dennoch geschafft, sich weiter zu entwickeln.

Mit Liedern wie „Memory Serves” oder „Summer Well“ können Interpol hingegen weder irgendwelche Gefühlsregungen hervorrufen, noch bleiben sie im Gedächtnis haften. „Lights“ schafft endlich einen spannenderen, stätigen Aufbau, „Barricade“ kommt mit der ersten Melodie, die zumindest ansatzweise im Gedächtnis bleibt und bei „All Of The Ways“ erschaffen Interpol eine verstörend-schaurige Atmosphäre, nicht zuletzt durch subtilen Klaviereinsatz, wie man sie sonst auf dem Album vermisst.

Eins muss man der innigen Konsequenz von Interpol jedoch lassen: Sie führt die Songs diesmal in so erdrückend-verschlossene, kalte und düstere Sphären wie selten zuvor. Stringenz und Grazie bieten immerhin einen roten Faden im Output der Gruppe. Im vierten Anlauf bleiben die besondere, schwermütige Interpol-Atmosphäre, die typisch verstörenden Gitarren und Paul Banks eindringliche Stimme. Alleine diese wäre es eigentlich Wert, bei der Bewertung noch mindestens einen Punkt draufzupacken, aber streng genommen ist „Interpol“ ein lediglich bedrückend mäßiges Album.

Anspieltipps:

  • Lights
  • Try It On
  • All Of The Ways
  • The Undoing

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