The Charlatans - Who We Touch - Cover
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The Charlatans Who We Touch


  • Label: Cooking Vinyl/INDIGO
  • Laufzeit: 56 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Fehlender Mut macht der Gruppe einen Strich durch die künstlerische Rechnung.

Womit kann man sich so alles brüsten? Erfolg, Ruhm, Macht, Geld, Anhänger, Preise und noch mehr Geld sind nur ein paar mehr oder weniger messbare Werte, die den Erfolg einer zurückgelegten Karriere ausschmücken und darstellen können. Mit drei Nummer-Eins-Singles und genauso vielen Alben, die sich an der Spitze der Charts festgesetzt haben, sind die Charlatans eine der Bands, die in den letzten zwanzig Jahren durchaus von sich behaupten kann, diese Jahre mitgeprägt zu haben. Der letzte ganz große Wurf liegt allerdings schon neun Jahre zurück. „Wonderland“ war das letzte Album, das wirklich am Thron der englischen Rockkrone gerüttelt hat (Platz 2 in den Charts), doch schon da hat es keine Single mehr in die Top Ten geschafft. Jetzt stellt sich auch für das neue Album „Who We Touch“ die Frage, ob nicht nur die alte Fanbasis zugreift und sich der Erfolg der Band auf eben dieser begründet oder ob auch frische Ohren offen für den Brit-Rock der Scharlatane sind.

Schaut man auf die großen Vertreter des letzten Jahrzehnts in Sachen Brit-Rock sieht man groß die Namen Oasis und Blur vorm inneren Auge aufflackern. Diese beiden Gruppen sind inzwischen in der Versenkung verschwunden oder besser: im Stand-By. Als noch ein reger Kampf um die Vorherrschaft im Musikbiz tobte, ging es um melodische, aber immer noch rockige Gitarren, viel Pathos und dazugehörige Balladen, sowie rotzigen Gesang, der an den Punk der legendären Sex Pistols erinnern sollte. The Charlatans versuchen auch heute noch ihrer Linie treu zu bleiben, auch wenn „Love Is Ending“ sich (ganze zehn Sekunden lang!!) darum bemüht, anders zu sein. Der Hörer wird von einem beinahe progressiven Beginn überrascht, geradezu aus dem Sessel gerissen und auch wenn die sich daraus entwickelnde Nummer typischer Brit-Rock ist, zündet dieser jedoch.

Ähnlich wie bei den letzten beiden Platten von The Cure wird gar nicht erst versucht, den Anschein zu erwecken, dass es sich hier um eine moderne Band handelt. Es ist auch kein zwanghafter Retro, der zu erkennen ist, sondern die Charlatans sind einfach immer noch dieselbe Band wie vor 20 Jahren. Nur eines drängt sich in den Vordergrund. Die in Deutschland so gern zitierte Handbremse, die bei diesem Album großteils angezogen bleibt. Allein „Sincerity“ und in Ansätzen noch „When I Wonder“ erreichen ein rockiges Potenzial, das zu Bewegung führen könnte. Ansonsten kommen viele der Lieder halbgar daher. Weder sind richtig schöne Melodien vorherrschend, noch wird so richtig gerockt. Sehr konventionell ist das Klangerlebnis „Who We Touch“ geraten. Mit böser Zunge gesprochen können die Lieder „My Foolish Pride“, „Your Pure Soul“ und „Smash The System“ einer einzigen Idee zu Grunde gelegt werden. Allein der Einsatz eines Tasteninstruments rettet Ersteres vor völliger Gleichheit.

Dagegen stehen eben die zwei, drei rockigen Stücke, sowie „Trust In Desire“, das Jimmy Eat World alle Ehre machen würde. Die britische Spur ist zwar klar zu hören, aber das grenzt das Lied auch von Jimmy Eat World ab und macht eine typische Charlatan-Nummer daraus. Hier ist endlich mal Emotion im Gesang, die mitreißt und nicht diese merkwürdige Stimmung ausstrahlt, die nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Hier wird mit Backvocals und lautem Gesang tief aus dem Zwerchfell kommend um sich geworfen, als müsse man alles geben. Und verdammt noch mal, man muss auch alles geben, wenn man in dieser Starbranche zu etwas kommen will. The Charlatans haben den großen Erfolg längst gehabt, aber das heißt nicht, dass sie sich ausruhen dürfen. Zumindest nicht, wenn sie weiter den Zuspruch und das Geld der Fans haben wollen.

Gerade um die Fans muss man sich ja selten Sorgen machen, da sie ja doch immer wieder zugreifen, aber im Sinne der Musik und eben der treuen Anhänger, sowie aller anderen Anhänger der britischen Rockmusik, sei es gewünscht, dass diese Band ihr Potenzial ausschöpft. Der fehlende Mut macht der Gruppe jedoch einen Strich durch die künstlerische Rechnung. Ein Beleg dafür ist der fantastische Bonustrack „I Sing The Body Eclected“ mit epischem Gastsprechgesang, der bei mehr Konsequenz und Entdeckergeist seinen gerechtfertigten Platz auf der regulären Setlist des Albums gefunden hätte. Am Ende retten die guten Ideen das Gesamtbild des Albums, aber der kritische Hörer verlangt mehr von einer Band, die in wenigen Stücken ihr wahres Können zeigt, nur um den Rest des Albums mit Mittelmaßware zu füllen.

Anspieltipps:

  • Love Is Ending
  • Trust I Desire
  • I Sing The Body Ecleted

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