Fotos - Porzellan - Cover
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Fotos Porzellan


  • Label: Snowhite/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 40 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer von seiner Plattenfirma dazu gedrängt wird, ein unfertiges Album auf die Schnelle zu veröffentlichen, bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest mitzumachen und sich am Ende auf einer erfolglosen Tour irgendwo im Nirgendwo befindet, darf schon mal desillusioniert und verzweifelt sein. Oder wütend. Erst Recht, wenn man als Band doch eigentlich ernst genommen werden will. Doch Fotos konnten sich aus ihrem Plattenvertrag herausmanövrieren. Zum Glück, wie sich jetzt herausstellt, denn ihr drittes Album „Porzellan“ stellt seine beiden Vorgänger locker in den Schatten.

In den Promo-Videos zu „Porzellan“ lässt Tom Hessler verlauten, dass sich die Band endlich so viel Zeit nehmen konnte wie noch nie, dass sie nie wieder Major-Verträge unterschreiben würden und von nun an alles selbst machen wollten. So wurde „Porzellan“ zum einen Teil durch eigene Geldmittel, Förderung vom Kulturministerium und finanzielle Hilfe aus der Familie Hessler gestemmt. Es wurden neue Vertriebswege gesucht und eine kleine Firma mit der Label- und Promoarbeit beauftragt. Hessler selbst bezeichnet diesen DIY-Ansatz als den zurzeit wohl modernsten Weg für eine Band, die eigene Musik zu veröffentlichen. All dies sollte man vor dem Genuss von „Porzellan“ wissen, denn nur wer die Vorgeschichte der Fotos und ihren beschwerlichen Weg kennt, kann nach Alben wie „Fotos“ (2006) und „Nach dem Goldrausch“ (2008) das überraschend tolle, dritte Album verstehen.

„Experimentell“ sollte das neue Album werden, ohne genaue Definition des Begriffs, und letztendlich ist „Porzellan“ genau das geworden, auch wenn es im Herzen immer noch ein Popalbum ist. Schon wenn bei „Alles schreit“ der richtige Song erst nach zwei Minuten voll von verhalltem Gesang einsetzt, macht sich dies bemerkbar. Wenig Instrumente – große Hallzeiten: Fotos wollten mit wenigen Mitteln großflächige Klänge erzeugen und so wird der Hall zum auszeichnendem Merkmal des Albums. „Nacht“ zum Beispiel schwingt mit stark hallenden, düsteren Gitarren und monoton pumpender Bassline aus den Lautsprechern. „Porzellan“ ist dunkel, kalt, zerbrechlich und erinnert klanglich zum Beispiel an The Cures „Disintegration“, zeitweise geht es in Richtung Shoegaze. Zackige und flotte Gitarren, wie bei „Komm zurück“ vom ersten Album, hört man höchstens noch bei der ersten Single „Mauer“.

Letztendlich hört man „Porzellan“ vielleicht nicht die Wut an, die die Bandmitglieder vor der Produktion des Albums in sich gehabt haben müssen, dennoch sind die Songs ungleich nachdenklicher, düsterer und skeptischer als früher, wenn sich Hessler in „Mauer“ beispielsweise vermeintlich mit Freuden in die Isolation begibt: „Ich baue eine Mauer um mich“. Seine mysteriösen, geheimnisvollen Texte harmonieren wundervoll mit seiner weichen Stimme und dem kalten, hallenden Sound. Zum Glück vermeidet es Hessler dabei, in alte Gewohnheiten wie Hektik und Überzeichnung seines Gesangs zu verfallen, um so die Nerven seiner Hörerschaft allzu sehr zu strapazieren. Nur beim Titelsong krächzt er wieder, worunter dann auch das Lied leidet.

Es gibt Songs, die zum Ende hin in elektronische Gefilde abdriften oder gleich auf dem Synthie aufbauen („On the Run“, „Feuer“) oder auf Akustikgitarre und Gesang reduziert sind („Wasted“, „Ritt“). Doch es gibt noch so vieles mehr zu entdecken auf diesem großartigen dritten Album von Fotos. „Porzellan“ avanciert somit zum klaren Statement und schreit es der Vergangenheit ins Gesicht: Wir sind noch hier, gehen unseren eigenen Weg und das besser als je zuvor!

Anspieltipps:

  • Nacht
  • Mauer
  • On the Run
  • Feuer
  • Ritt

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