Dimmu Borgir - Abrahadabra - Cover
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Dimmu Borgir Abrahadabra


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 55 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn die norwegischen Black-Metal-Koryphäen Dimmu Borgir ein neues Studioalbum veröffentlichen, dann ergötzen sich Fans allein schon stundenlang an den meisterhaft-mysteriösen Titeln, bevor überhaupt eine Note Eingang ins Gehör gefunden hat. Für die neunte schwarzmetallische Symphonie haben sich Shagrath (Gesang), Silenoz (Gitarre), Galder (Gitarre) und Daray (Schlagzeug) nach den meist dreiteiligen Wortkreationen etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Das Kunstwort „Abrahadabra“, welches vom Okkultisten und Magier Aleister Crowley in seinem „Buch des Gesetzes“ das erste Mal niedergeschrieben wurde, sollte es dieses Mal sein. Ein Wort, das nicht nur die magische Formel für ein neues Zeitalter sein soll, sondern bei numerologischer Betrachtung auch weitere versteckte Bedeutungen verbirgt. Gefundenes Fressen also für dunkle Kuttenträger, Verschwörungstheoretiker oder schlicht und ergreifend den stinknormalen Dimmu Borgir-Anhänger. Doch die Norweger wären nicht eine der bekanntesten Black Metal-Formationen auf dem Planeten, wenn da nicht noch zusätzlich das beinahe übermächtige, musikalische Erbe wäre, das es mit jeder neuen Veröffentlichung zu verteidigen und auszubauen gilt.

Die rauhen Anfänge („For all tid“ (12/1994) und „Stormbläst“ aus 01/1996) sind schon lange vorbei und die Transformation von einer vielversprechenden Metalinstitution, die mit symphonischen Elementen experimentiert („Enthrone darkness triumphant“ (05/1997) und „Spiritual black dimensions“ aus 03/1999), hin zu einer extrem erfolgreichen Band, die aufgrund ihres Genrestammes eigentlich im Untergrund verweilen und Alben vorlegen müsste, die klingen als wären sie im nächstbesten Klohäuschen aufgenommen worden, und stattdessen ein perfekt produziertes Album nach dem anderen in die Charts hievt, ist ebenfalls längst abgeschlossen. Dimmu Borgir haben, und das werden Stormbläst-Anbeter mit hoher Wahrscheinlichkeit nie verstehen, einfach Gefallen daran gefunden ihre schwarzen Messen mit einem pompösen Orchester zu kreuzen. Da kann es noch so heftig, direkt und kompakt zur Sache gehen („Puritanical euphoric misanthropia“ aus 03/2001), in melodischer Eintracht mit dem Prager Philharmonie Orchester durch den düsteren Blätterwald geschlendert („Death cult armageddon“ aus 09/2003) oder eine Verknüpfung dieser beiden Konstrukte trotz einiger kontroverser Abzweigungen (Stichwort: Klargesang) vorgelegt werden („In sorte diaboli“ aus 04/2007), zufrieden wird dieses Lager mit den bombastischen Auswüchsen der Post-Stormbläst-Ära ohnehin nie werden.

Für all jene, die sich bislang mit der komplex dargebrachten Wucht der Norweger anfreunden konnten, wird „Abrahadabra“ jedenfalls ein neues Festmahl, was allein der instrumentale Eröffnungstrack „Xibir“, der gut und gerne aus einem standesgemäßen Hollywood-Blockbuster stammen könnte, eindrucksvoll untermauert. Hier handelt es sich immerhin nicht um das ambitionierte Erstlingswerk einer drittklassigen Hinterhofkapelle, sondern um den Nachfolger zu „Titanic“, der am besten doch bitte die Ausmaße eines „Avatar“ annimmt. Zu diesem Zweck wurde nicht nur das Norwegian Radio Orchestra verpflichtet, sondern gleich noch der Schola Cantorum Choir, der etwa hundert Mitglieder umfasst. Dass die symphonischen Passagen einen größeren Anteil im Gesamtkonstrukt zugesprochen bekommen haben, dürfte demzufolge jedem klar sein. Den orchestralen Overkill eines z.B. „Triumph or agony“ von Rhapsody Of Fire erleiden Dimmu Borgir damit zwar nicht, doch wirkt „Abrahadabra“ an vielen Stellen unentschlossen und scheint sich seiner Prioritäten nicht ganz klar zu sein.

Bei der ersten metallisch-symphonischen Komposition „Born treacherous“ machen die Norweger allerdings noch alles richtig. Die Nummer startet bissig, nimmt an Fahrt auf und schließt im gleichen Zug das Orchester und den unheilvoll-säuselnden Chor mit ein, was zusammen mit dem makellosen Songwriting einen epischen Song par excellence verspricht. „Gateways“ ändert hingegen die Vorzeichen, inkorporiert dramatische Streicherakkorde und rollt einen opernhaften Teppich aus, der von getragenen Chor- und donnernden Black Metal-Passagen umschlungen wird, aufgrund des jammervollen Gastauftritts von Agnete Kjolsrud (Djerv) und offenkundiger Ziellosigkeit aber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ohne weibliche Begleitung ist „Chess with the abyss“ mit nochmalig stärkerer Orchestereinbindung trotzdem nicht mehr als „ganz ordentlich“ einzustufen, da der Vierer hier eigentlich nicht mehr macht als sein bewährtes Konzept im Kreis laufen zu lassen, was beim Track „Dimmu Borgir“ zu einer ähnlichen Ernüchterung führt.

Der Versuch, „Ritualist“ als unbarmherzig-prügelnden Gegenentwurf zu installieren, schlägt ebenfalls fehl, da es dem Song an tiefgreifender Atmosphäre mangelt, doch während der Hörer scheinbar vergeblich auf die Erlösung wartet, biegt „Demiurge molecule“ um die Ecke und bringt endlich das erhoffte, perfekte Zusammenspiel aus dunklen Schatten und orchestraler Eleganz, die eine theatralische Symbiose offenbaren, welche weder blass noch zu überladen aus den Boxen schallt. Dass Dimmu Borgir im Stande sind Erwartungshaltungen mühelos zu übertreffen, zeigt das anschließende „A jewel traced trough coal“, das die makellose Erscheinung von „Demiurge molecule“ zu Staub zermahlt. In schier unbändiger Spielfreude jagen die Norweger eine Komposition durch die Lautsprecher, die alles vereint, was symphonischen Black Metal ausmachen sollte: Eine tempogeladene Achterbahnfahrt mit durchgeschnittenen Bremsschläuchen, verpackt in ein mitreißendes Songkonstrukt, das sinnvoll gesetzte Orchester- und Chorparts (hier brennt sich eine in Latein gehaltene Passage sofort ins Nervenzentrum) mit sich bringt und einen progressiven Ansatz untermischt, der fordernd ist, aber nicht aus dem Ruder gerät.

Kaum ist diese fünfminütige Offenbarung vorüber, heizen Dimmu Borgir dem Hörer mit „Renewal“ mächtig ein. Die symphonischen Elemente werden auf ein Minimum zurückgefahren, aggressiver Gesang setzt sich durch und wer sich hier nicht sein Schleudertrauma holt, ist definitiv im falschen Film. Apropos Film: Der eigentliche Abschluss „Endings and continuations“ macht Hollywood wieder alle Ehre, beginnt mit einem Spoken Word-Intro mit Hörspielcharakter, setzt dann auf eine wuchtige Black Metal-Orgie, die letztendlich nur durch ein gemurmeltes „Abrahadabra“ besänftigt werden kann. Eleganter und eindrucksvoller kann eine Platte nicht ausklingen. Um dem Ganzen noch eins drauf zu setzen, darf der Hörer als Bonus noch der orchestralen Version von „Gateways“ lauschen, welche nicht besser inszeniert hätte sein können.

Das neunte Werk der Norweger ist beileibe kein Meisterwerk, hat aber durchaus meisterhafte Auswüchse. Die Band verabschiedet sich vollends von ihrer rauen Vergangenheit und setzt auf bombastisches Metalkino, das die Konkurrenz in punkto Komplexität und wahnwitziger Opulenz mit dem kleinen Finger zerdrückt. Dabei gestehen sich Dimmu Borgir einige uninteressante Wiederholungen ein und sensibilisieren den Hörer zusehends mit einen Mehr an allen Fronten, seien es Streicher, Blechbläser, Chor, Riffs, deftige Eruptionen oder Growls, denen zusätzlich durch das Fehlen des Klargesangs von ICS Vortex eine stärkere Reibungskraft zuteil wird. Dimmu Borgir sind damit schon lange kein restaurierter Oldtimer mehr, sondern ein getunter Sportwagen, der alles umnietet, was sich ihm in den Weg stellt. Ob jedoch eine dezente Abänderung der Parameter reicht um an der Spitze zu bleiben, bleibt abzuwarten.

Anspieltipps:

  • Renewal
  • Born Treacherous
  • The Demiurge Molecule
  • A Jewel Traced Through Coal

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