Carl Barât - Carl Barât - Cover
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Carl Barât Carl Barât


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 36 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein nettes Brit-Rock-Werk mit viel Eigenheit.

Die Libertines sind für einige das Großartigste, was in der modernen Brit-Rock passiert ist. Gleichzeitig darf man ganz nebenbei auf Radiohead, Coldplay, Oasis und Blur hinweisen, die die Klanglandschaft des Vereinten Königreiches spürbar stärker geprägt haben. Nichtsdestotrotz darf Frontmann Carl Barât seine Band unter den besseren des letzten Jahrzehnts wissen. Als gebrandmarktes Kind hat er von Kompromissen allerdings erstmals die Nase gestrichen voll und rechtzeitig, bevor man den Libertines das immer gleiche Rezept vorwerfen könnte, probiert sich Barât auf Solopfaden.

Tatsächlich lädt uns der Brite diesmal nicht in einen Musikschuppen, sondern auf den großen Rummelplatz ein. Hier gibt sich der Dirty-Little-Things-Gründer nicht minder britisch, aber dafür umso vielfältiger was seinen Stil angeht. „The Magus“ begrüßt den Hörer mit breitem Instrumentalspektrum, ausschweifendem Gesang und ganz ohne Rockallüren. Dagegen gibt es fast folkloristische Einflüsse, die aber nicht genau definierbar sind. Vielmehr ist es wie im Zirkus, wo man rätselt, aus welchen fernen Ländern die Artisten wohl kommen. Auf dieser Schiene fährt der Barât-Express gnadenlos weiter. „Je Regrette, Je Regrette“ ist – dem Titel widersprechend – eine fröhliche Melodie, die durch viel Liebe zum Detail abgerundet wird. Klar britisch, doch ähnlich wie Blur irgendwie anders, manövriert sich Carl durch die poppigen Gefilde, ohne sich dem seichtem Hörer anzubiedern. Schon jetzt macht sich bemerkbar, wie gut es dem Rocker tut, seine Ideen nicht teilen und komprimieren zu müssen.

Gerade bei „She's Something“ kann der Engländer seine Herkunft nicht verneinen und liefert eine typische Brit-Ballade ab. Überhaupt strömt das Album vor typisch britischen Sounds nur so über. Wenn die Tracks dafür auch einen ähnlich authentischen Retro-Touch erhalten wie Gemma Rays Stücke („Carve My Name“) oder Bläser und Uptempo für die nötige Abwechslung sorgen, ist das durchaus zufriedenstellend. Schwieriger macht es einem nach diesem gelungenen Auftakt die zweite Hälfte des Albums. Hier hangelt sich Carl Barât von einer Ballade zur nächsten und wenn auch hier ein wenig mehr Orchester und dort im Hintergrund Chöre auftauchen, ist das alles recht Eins. Die Stimmung der Lieder ist angenehm und teilweise schon herrlich übertrieben („So Long, My Lover“) und man hat es hier bestimmt mit keinem schwachen Silberling zu tun, aber gerade in der zweiten Hälfte fehlen die Ideen, um dem ein oder anderen Track neben bloßer Existenzberechtigung den nötigen Stempel aufzudrücken.

Natürlich könnte es Carl Barât egal sein, wie die Platte ankommt, denn Anhänger auf der ganzen Welt flippen jetzt schon aus, wenn sie an die Auftritte der wiedervereinten Libertines denken. In Hinsicht auf diese Rückkehr zur erfolgreichen Band, lässt sich vielleicht auch interpretieren, warum so viele Balladen auf dem Album sind. Unter Umständen wird es demnächst wieder einige Gangarten schneller und lauter zugehen. So hat der vom Auftakt des Soloalbums berauschte Hörer zumindest eine plausible Entschuldigung für die fehlende Würze im zweiten Teil. Da Entschuldigungen die Qualität am Ende jedoch auch nicht heben, bleibt nichts Anderes zu tun, als „Carl Barât“ als nettes Brit-Rock-Werk mit viel Eigenheit einzustufen und Fans der Sparte den ein oder andere wirklich guten Song zu garantieren. Wer dazu auf Brit-Balladen mit düsterem Ton fliegt, für den könnte sich dieses Album als echter Überflieger herausstellen. So viel Pathos hauen nur die Menschen von der Insel in ihre Lieder.

Anspieltipps:

  • The Magus
  • Run With The Boys
  • Carve My Name

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