Jens Friebe - Abändern - Cover
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Jens Friebe Abändern


  • Label: ZickZack Records
  • Laufzeit: 39 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Jens Friebe ist kein großer Sänger, aber ein inspirierter Texter und experimentierfreudiger Musiker, wenn er klassische Singer-Songwriter-Musik auf Electro-Pop treffen lässt. Printmedien wie DIE ZEIT oder die Süddeutsche Zeitung lobten Friebes letztes Album „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert“ (2007) in den Himmel. Aber ist das überhaupt ein gutes Zeichen? Es entsteht der Eindruck, dass intellektuelle Ansprüche und Tanzbarkeit gleichermaßen bedient werden. Das kann man so nicht stehen lassen. Das erwähnte 2007er Album lies die zwei vermeintlich unvereinbaren Faktoren erstaunlich stimmig verschmelzen. „Abändern“ entfernt sich jedoch wieder ein Stückchen davon.

Der adrett gegelte Mittdreißiger aus Lüdenscheid trägt seine Texte oft mehr vor als sie zu singen. Pop entsteht meist erst mit dem Refrain, welcher mal harmonisch („Theater“), mal eher penetrant („Königin im Dreck“) gerät. Friebe lenkt die Aufmerksamkeit aber auch auf seine Gabe, für bekannte Themen wie etwa Abschied und Einsamkeit ausgefallene Bilder zu finden („Vögel“, „Charles de Gaulle“). Für die Entstehung des Albumtitels musste ein pseudoironisches und eigentlich überflüssiges Vengaboys-Cover namens „Up & Down“ herhalten. Denn dass der Chor statt „up and down“ „abändern“ singt und dadurch auch den Text abändert, passt einfach zu gut zu Friebes Sprachliebe. Und abändern bedeutet ja Fortschritt, im Gegensatz zum immer gleichen hoch und runter. Hauptsache es lässt sich deuten.

Auch in „Verbotene Liebe“, wo in einer Modern Talking-Referenz „S.S. or love“ statt „S.O.S. for love“ gesungen wird, kommt Friebes Leidenschaft für das Jonglieren mit Worten zum Ausdruck. In diesem Fall geht es um den schwulen Großstadt-Lifestyle, wo Nazisymbolik provokativ umgedeutet wird, jedoch übertragen auf eine tatsächlich rechte Kleinstadt – so Friebe in einem Interview. Ohne Recherche bleibt für den Hörer nur ein weiter Raum für eigene Interpretation. Friebe kann aber auch einfach, z.B. in seiner Ode an das Zusammen-Weggehen – „Sei mein Plus Eins“, wo in den Strophen monoton, simpel aber originell das Nachtleben analysiert wird und dann völlig überraschend ein genial-eingängiger Refrain den Song im Gehör festigt. Ein klarer Höhepunkt, passenderweise in der Albummitte.

Ein mehrmals auftretender Eindruck auf „Abändern“ ist, dass der aufgeweckte Liedermacher seine unheimlich durchdachten Texte nicht vollständig in Liedstrophen verwandeln kann; sie bleiben oft eher nur Anhängsel an die Musik. Die Stimmung auf „Abändern“ ist eine Spur gedrückter als auf der Vorgängerplatte, und das neue Markenzeichen – ein infantiles Klavier, das immer wieder auftritt und die Ohren nervt – ist eine stilistische Abänderung, aber kein Fortschritt. Friebe beweist sich als gekonnter Wortmaler und schafft mit seinen Klangexperimenten echte Abwechslung. Jedoch kann sein Schwimmen zwischen Pop und tiefsinnigen Lyrik-Verweisen auch stressen.

Anspieltipps:

  • Vögel
  • Sei mein Plus Eins
  • Sag ja
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