Turzi - B - Cover
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Turzi B


  • Label: Record Makers/ALIVE
  • Laufzeit: 50 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Romain Turzi ist ein Kind der Neunziger. Anders sind seine spirituellen Musikreisen nicht zu erklären. Sein Debüt „A“ war schon eine Tour de Force voller Improvisationen, die ohne die üblichen Höhen und Tiefen der aktuellen populären Musik auskommen. Hier wird sich in bester Progressiv-Manier an einer Grundidee aufgehangen und von dort aus in alle nur erdenklichen Richtungen fortbewegt. Mit dem folgerichtigen Titel „B“ für das zweite Album der französischen Experimental-Rock-Gruppe geht es weniger gitarrenlastig, dafür umso verrückter zu Werke. Jetzt beherrschen nicht mehr beherzte Riffs das esoterische Geschehen, sondern Synthesizer aller Größe, Form und Klangfarbe. Pitchfork sagte schon zum Debüt, dass es sich um Musik handele, für die Drogen genommen wurde, um sie zu machen, so dass man zu dieser Musik wieder Drogen nehmen könne. Willkommen auf dem Planeten Turzi, der mit schrägen und verzerrten Gitarren, viel Elektronik und ohne einen wirklichen Chorus pro Song auskommt.

Das Hauptprogramm sieht Lieder vor, die sich an ihrer Grundidee geradezu ergötzen und auch Gesang, wie in Bethlehem ist nichts weiter, als ein untermalendes Element. Alles wird der treibenden Hauptmelodie gewidmet und teilweise sogar geopfert. Hier wird schon deutlich, dass diese Musik die Hörerschaft spalten wird. Die einen werden sich schon nach den ersten drei Liedern die Ohren zu halten oder kaum etwas von der Klanglandschaft mitbekommen, weil es für sie monoton und immer gleich klingt, während Soundfreaks sich über die vielen interessanten, da improvisierten Wechsel freuen, die den Liedern eine natürlich klingende Unnatürlichkeit geben. Das kann mal in ein Trance-Erlebnis ausarten („Buenos Aires“), das mit Streicher gegen Ende zu überraschen versucht oder in knarrenden Gitarrenwellen, wie eben in „Bombay“. Die ganz großen Experimente bleiben innerhalb der Lieder aus und trotz der kurzen Spieldauer werden nicht weniger die gute, alte Prog-Schwäche des repetitiven Aufbaus ausmachen.

Tatsächlich schaffen es Turzi mit Hilfe von Bobby Gillespie einen Track zu erschaffen, der wie Kasabian klingt. Also immer noch jede Menge musikalischer Drogeneinfluss, aber ein Fluss an Melodie, der für interessante Klangmomente sorgt. Anders sind da die sogenannten Soundtrack-Stücke, wie „Bangkok“, das so klingt, als würde die thailändische Stadt unter Angriff von Außerirdischen stehen. Hier ist es den Experimenten doch ein Stück zu viel. Jetzt begibt Turzi sich zurück in Jahrzehnte, in denen man es einfach nicht besser wusste, Elektromusik zu arrangieren. Warum Turzi sich nicht auf atmosphärische Nummern, wie das peppige „Baden Baden“ beschränken liegt wohl in ihrer Natur. Immer mehr, immer weiter, immer verrückter. Das ist das Rezept von Turzi, womit nicht nur einmal über die Strenge geschlagen wird.

Auch die zweite Nummer mit Gastbeteiligung kann nichts daran ändern, dass Turzi sich in ihrer Klangwelt verlieren, die tatsächlich mehr einen Soundtrack darstellt, als eine Rockplatte. Nur lässt sich nicht wirklich ein Bladerunner entdecken, sondern eine verstörende Welt, die sich durch das Sci-Fi-Genre der letzten Jahrzehnte schlägt und nur selten einen griffigen Bezug zum Jetzt darstellt. Wer auf eine Reise zurück in die Zukunft steht, der wird hier die ein oder andere interessante Momentaufnahme ausmachen können. Überwiegen tun aber die altbackenen Momente, wie in „Bogota“, welches sich so fest an die Vergangenheit klammert, dass der Mut zum Experiment für viele verloren geht. Deutsche Hörer freuen sich allein darüber, dass ausgerechnet „Baden Baden“ den Schritt in die Gegenwart schafft und sich als einer der besten Tracks dieser durchwachsenen Soundkulisse hervortut.

Anspieltipps:

  • Bethlehem
  • Baltimore (Feat. Bobby Gillespie)
  • Baden Baden

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