Yann Tiersen - Dust Lane - Cover
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Yann Tiersen Dust Lane


  • Label: Mute/AIP
  • Laufzeit: 47 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Es gibt diese unglaublich erwachsene Art das Gespräch mit seinem Gegenüber abzulehnen. Hierbei streckt man der anderen Person den Arm entgegen und zeigt ihm die bloße Handfläche. Was mancherorts noch als Ankündigung einer deftigen Watschen verstanden werden könnte, bedeutet heutzutage eher: „Sprich zu der Hand!“ So ungefähr kann man sich ein (Nicht-)Gespräch zwischen kommerziell orientierten Labels und Yann Tiersen vorstellen. Der Komponist der Filmmusik zu „Die Fabelhafte Welt Der Amélie“ pfeift laut Eigenaussage auf konventionellen Aufbau und spielt den Track einfach so, wie er ihm in den Sinn kommt. Experimental-Rock also mal wieder? Akustikgitarre, Mandoline und Bouzouki (griechische Mandoline), sowie Akkordeon, Spielzeugschlagzeug und viele Synthesizer, sowie ein paar musikalische Vertreter, die auch in der Klassik ihr Zuhause wissen, bereiten zumindest einen breiten, saftigen Klang, der genug Potenzial für jede Menge Überraschungen parat hält.

Verliert sich Yann Tiersen jetzt nicht automatisch in kompositorischen Höhen, die kein Mensch mehr nachvollziehen kann. Oder kommt ein Soundtrackalbum heraus, dass ohne bildhafte Untermalung nicht überlebt. Ganz vorsichtig und gleichzeitig völlig übertrieben kündigen wir „Dust Lane“ als Mischung aus Kitaro und Sufjan Stevens an. Folkige Elemente rahmen das avantgardistische Klanggeschehen ein, dass Yann Tiersen in einer guten, wirklich guten Dreiviertelstunde auf den Hörer loslässt. Aber genug des Overall-Lobes und ab zur Detailansicht. Was macht „Dust Lane“ zu mehr als durchkonzipierter Kunst, die erst nach dem Tod des Künstlers verstanden werden könnte?

„Dust Lane“ – also das Album und nicht der Titeltrack alleine – ist eine vorantreibende Geräuschkulissenreise. Man stelle sich das Album wie eine Zugfahrt vor, bei welcher man gedankenverloren aus dem Fenster starrt und die immer wieder neuen Landschaft einsaugt und genießt. Diese subtil abwechslungsreiche und trotzdem kontinuierliche Stimmung verkörpert der neue Longplayer Tiersens. Nicht wie Turzi, ebenfalls aus Frankreich und zeitgleich mit neuem Album, stürzt sich Yann Tiersen in kopflose und fragwürdige Experimente, die bei allem Vorwärtsdrang nach Vergangenheit klingen. Auf „Dust Lane“ sind plötzliche Brüche und Toneinschübe wie in „Frances The Mute“ von The Mars Volta zu erwarten. Wer jetzt den Kopf schüttelt und sich fragt, wie man diesen Krach für anspruchsvolle Musik befinden kann, der schaue sich das Wort Avantgarde in der Genrebezeichnung noch einmal genauer an. Diese Musik legt es darauf an, anders zu sein.

Wenn ein einsames Akkordeon „Dark Stuff“ einleitet, um plötzlich von einer rauen, aber einprägsamen Gitarre erst abgelöst, dann untermalt zu werden, bevor Chöre einsetzen, Spoken Words die hallende Atmosphäre begleiten und die Mandoline für fremdartigen Klang sorgt, nur damit alles in sich zusammenfällt und einen künstlichen Klangsturm zurücklässt, in welchem verloren ein Piano spielt, dann ist klar, dass hier ein Virtuose am Werk ist. Dieser gewollt komplizierte Satz beschreibt die Welt von Yann Tiersens Musik. „Dust Lane“ ist alles, aber nicht leicht verdaulich. Es mag für ungeübte Ohren unverdaut oder überladen wirken, aber im Großteil der Fälle muss man nach mehreren Hördurchgängen zugeben, dass alles passt und alles am rechten Fleck scheint. Sei es das unerwartete Streicherensemble oder die raue E-Gitarre zur zitternden Bouzouki. Man weiß nie, welche Idee an der nächsten Ecke lauert. Das macht es so spannend und wer beim dritten Durchlauf des Albums nicht immer noch bei jedem einzelnen Stück Neues entdeckt (und zwar en masse), der muss ein perfektes musikalisches Gehör, zu viel Zeit oder einen an der Klatsche haben.

Wer also an avantgardistischer Musik interessiert ist, die sich nicht nur an merkwürdigen Texten und mehr Dissonanzen als Harmonien ergötzt, der greift zu dieser französischen Delikatesse. In Acht nehmen muss man sich nur vor den Schrammelpassagen, da es einfach schöner klingt, wenn die einzelnen Instrumente mehr Raum bekommen, was bei dem omnipräsenten Sound der Gitarre manchmal zu kurz zu kommen scheint. Ein gutes Beispiel dafür ist die grandiose zweite Hälfte von „Ashes“, die mit ihrer phänomenalen Indie-Avantgarde-Rock-Hymenen-Melodie im Sufjan-Stevens-Stil überzeugt und auch der undeutliche, psychedelische Zwischenteil vom anschließenden „Till The End“ wird durch herrliches Klavierspiel und himmlische Streicher – ganz ohne moderne Unterstützung – wettgemacht. Wer Musik begeistert ist und wem die Charts und das übliche rumgepoppe der Stars zu eintönig ist, der muss einfach zu dieser experimentellen Perle greifen, ansonsten darf er sich nicht über die Abstumpfung der westlichen Musik wundern.

Anspieltipps:

  • Ashes
  • Amy
  • Palestine

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