Kashmir - The Good Life - Cover
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Kashmir The Good Life


  • Label: Columbia/SonyBMG
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer kennt es nicht, das alte Leid und immer gleiche Lied? Fortsetzungen in der Medienunterhaltungsbranche! Seien es Filme, Spiele oder eben Musik. Viel zu oft lernt man eine Band erst auf ihrem Zenit oder während ihrer Neuerfindung kennen. Die Wurzeln der Gruppen oder alte Perlen lernt man oft live oder über die Ultras unter den Musikfans kennen, welche einem triumphierend die ersten Akkorde der geliebten Saitenstreichler vorspielen. Zugegebenermaßen ist es in Deutschland ziemlich egal, welches Album der dänischen Rockgruppe Kashmir man auswählt, es erfreut sich oder viel besser leidet an ungemeiner Unbekanntheit. Zumindest ist es ab dem Album „Zitilites“ auf recht humane Weise möglich, sich der Musik der begnadeten Rocker zu nähern.

Mit „The Good Life“ lernt man keinesfalls den Beginn der Dänen kennen. Viel mehr ist es der Höhepunkt ihrer ersten Schaffensphase. Unglaublich viel Blues, langsame Melodien, die sich vor Aufregungslosigkeit gegenseitig in gemütlichen Sinneszustand schaukeln und ganz große, herzige Grüße an Radiohead. Allein die erste n beiden Stücke überraschen mit ungewöhnlichen Melodien, die nicht darauf aus sind, den Radiohörer mitzureißen. Vielmehr wird eine wabernde Klangsphäre geschaffen, die hier und da einen rockigen Aufschrei in Form von Gitarrensoli zulässt, ansonsten jedoch mit Singer/Songwriter-Elementen bestechen möchte. Spätestens mit „Lampshade“ gibt auch der letzte Fan auf, nach einer Rockader zu suchen. Hier wird auf Gefühl über Experimente und minimalistischen Rock gesetzt. Wer die eigene Stimme Kasper Eistrups mag, wird sich sogleich verlieben. Allen anderen Fans ruhiger Rockballaden wird dieser Auftakt vielleicht ein Tick zu ruhig sein.

Spätestens „Lampshade“ ist es aber auch mit seinen langen, aber sehr gefühlvollen sechs Minuten Spieldauer, das deutlich macht, dass es dieser Gruppe gegeben ist, Emotionen glaubhaft und schön auf den Hörer loszulassen. Allein der Hang zur Überlänge macht der Kompatibilität zum Hörer immer wieder kleine Striche durch die Rechnung, sowie die Verehrung der Band Radiohead. „Graceland“ gaukelt noch in zuckersüßer Form vor, dass man es bei Kashmir mit einer gemütlichen Truppe zu tun hat, die The Cure als Schreiber neuer Soft-Rock-Hymnen souverän ablöst und dabei auch den jungen Rockfan in den ersten Reihen des Livekonzerts nicht vergisst und mit „Miss You“ ein Liebeslied in ein eigenartiges Konstrukt aus Elektronik und heftigem Rock quetscht.

Der kluge Hörer fällt darauf allerdings nicht herein, wenn Radiohead-Gedächtnis-Monumente in Form von „It's O.K. Now“ auf eben diesen niederprasseln. Schwere Gitarren, die Ungewissheit herauf beschwören und natürlich ein Fixpunkt auf elektronische Synthesizer-Experimente, sowie die ausschweifende Stimme Eistrups. Auch „New Year's Eve“ will gar nicht erst gewöhnlich wirken. Irgendwo zwischen Zucker und Muskat ist der Elektro-Popsong anzusiedeln, wenn man Töne in Geschmäcker einzuordnen versucht. In all diesen Stücken wird auch immer zumindest an der Fünfminutenmarke gekratzt, was nicht unbedingt leichte Kost verspricht. Das will Kashmir aber auch gar nicht und zaubert somit einen schweren, fordernden Rockbrocken auf den Tisch. Aufs erste Hören wirken die meisten Lieder nicht sofort und das Album geht seinem Konzept so konsequent nach, das die geringe Umdrehungszahl der Tracks viele „Rock“-Fans abschrecken wird. Wer nicht gelangweilt wegdöst, der wird mit dem Chorus aus „Mudbath“ belohnt, der nach dem zweiten Hören automatisch mitgesungen wird oder eben der phänomenalen Sanftheit, die „Lampshade“ ausstrahlt.

Der wirkliche Vorwurf besteht darin, dass die meisten Lieder mit einer Ausdünnung ganz gut hätten leben können. Eine Minute weniger pro Lied hätte das Album wohl zugänglicher gemacht und sich wiederholende Passagen verhindert oder zumindest vermindert. Wenn auf einer recht unkonventionellen Platte wie dieser auch mal ein Song die sieben Minuten lang ist und sich dabei mit stetiger Steigerung beschäftigt, dann ist das in Ordnung, wenn nicht sogar angebracht („Gorgeous“), aber auf die komplette CD verteilt finden sich zu viele Längen. Wer all diese Längen übersteht, wird dann noch mit einer richtig starken Nummer belohnt. Wild und ungestüm walzt der Liebesorkan „Kiss Me Goodbye“ alle Bedenken gegen die musikalischen Fähigkeiten dieser Gruppe nieder und entwurzelt jegliche grobe Kritik. Dass diese Band bis heute mehr als anspruchsvolle Musik bietet, hat sie mit „Zitilites“, „No Balance Palace“ und „Trespassers“ bewiesen. Wer ihnen die Fehler mit den Längen schon auf „Zitilites“ vergeben hat, der sollte sich ruhig auf den Vorgänger einlassen.

Anspieltipps:

  • Kiss Me Goodbye
  • Mudbath
  • Gorgeous
  • Lampshade

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