The Ocean - Anthropocentric - Cover
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The Ocean Anthropocentric


  • Label: Metal Blade/Sony Music
  • Laufzeit: 50 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Fast auf den Tag genau vor drei Jahren legte das damals noch 30 bis 40 aktive Künstler und Musiker umfassende Kollektiv The Ocean zum Jahresausklang einen wahren Brocken vor, der nicht nur seinem Konzept nach monumentalen Inhalt versprach, sondern auch kompositorisch das breit gefächerte Genre Post Metal mühelos zwei Sprossen nach oben bugsierte. „Precambrian“ (11/2007), im Kern oft hart und bissig, offenbarte nicht selten sein weiches Herz, welches in unregelmäßigen Abständen einem wissenschaftlichen Versuchsapparat gleich wohl dosierte Elektroschocks durch den Hörer zucken ließ, die für ein unvergleichliches Kopfkinoerlebnis sorgten. Auf fünf Mitglieder geschrumpft (Loic Rossetti (Gesang), Robin Staps (Gitarre, Gesang, Samples), Jonathan Nido (Gitarre), Louis Jucker (Bass) und Luc Hess am Schlagzeug) hieß es dann mit einem Nachfolger ähnlich spannende Klangwelten zu bereisen, doch das Ergebnis blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück.

„Heliocentric“ (04/2010), der erste Abschnitt eines zweiteiligen Konzeptalbums über die Aufrechterhaltung des geozentrischen Weltbildes, kokettierte zwar ungeniert mit dem Charme vorangegangener The Ocean-Veröffentlichungen, dieselbe Atmosphäre und den meisterhaften Sog hinter „Precambrian“ entfachte das Werk jedoch nicht. Die zwischenzeitlich von Berlin in die Schweiz abgewanderte Truppe wollte, so sicher war sich der Verfasser dieser Zeilen vor sieben Monaten, lediglich einen Übergang schaffen und Kraft schöpfen um nun mit „Anthropocentric“ in fulminanter Makellosigkeit zurückzukehren. Da Irren aber bekanntlich menschlich ist und auch die Musik von The Ocean keinen Gesetzmäßigkeiten folgt, bleibt auch dieses Mal der nächste, große Wurf aus und 2010 muss wohl oder übel ohne ein Meisterwerk auf den letzten Drücker auskommen.

Leider deutet es schon der eröffnende Titeltrack mit seinen ausufernden 9 ½ Minuten an: Hier soll es episch zugehen und das ohne Rücksicht auf Verluste. Schade ist nur, dass Staps & Co. diese Maxime beinahe auf Albumlänge allzu sklavisch verfolgen und gar nicht erst versuchen das Material atmen zu lassen. Es dröhnt, wird geschrieen, versöhnlich im Kreis getanzt, kleine Melodien werden beigesetzt, erneut geschrieen, auf die Bremse getreten, mit vollem Lauf in die Eier getreten, geschrieen, versöhnlich umarmt und ab einem gewissen Punkt wieder bei Null begonnen. „Heliocentric“ mag Vielen zu zahm gewesen sein, doch wieso „Anthropocentric“ das zum Anlass nimmt um vormals ausgewogene Soundkulissen in dicken, undurchdringlichen Nebel einzulullen, nur um ein böse dreinblickendes Gegenstück zu bilden, bleibt ein Rätsel.

Trotz aller Kritik: Der The Ocean-Moment lebt. Hin und wieder blitzen die bunten Mosaiksteine durch, der verwunschene Wald lädt zum Entdecken ein und inmitten der metallischen Eruptionen, Hardcore-Schreiattacken und doomig-schwülen Landschaften kristallisieren sich einzigartige Nummern heraus, wie sie nur von dieser Band stammen können. Die größten Hoffnungsschimmer sind mit knapp zwei Minuten zwar recht knapp bemessen („For he that wavereth…“, „The grand inquisitor III: A tiny grain of faith“), doch gerade die feminin-anschmiegsamen Vorzüge eines „A tiny grain of faith“ mitsamt dem elektronisch-verzerrten Klanggeflecht bleiben im Ohr hängen und auch die instrumentale Katharsis in Crescendo-Optik „Wille zum Untergang“ fordert und lädt zu mehrmaligem Hörgenuss ein. Überhaupt wird „Anthropocentric“ je näher es sich dem großen Finale nähert besser, denn nicht nur das zappelige „Heaven TV“ gehört zu den besseren Kompositionen auf der Platte, auch der ruhige Abschluss „The almightiness contradiction“ kocht mit elegischem Streichereinsatz ein vorzüglich schmeckendes Süppchen.

Dass „Anthropocentric“ kein abgeschottetes, eigenständiges Werk ist und eine direkte Verbindung zu „Heliocentric“ aufweisen soll, merkt man der Platte deutlich an. Ähnlich wie beim Vorgänger wählen The Ocean jedoch nicht immer das richtige Objektiv um ihre musikalischen Ergüsse einzufangen und liefern aufgrund falscher Brennweite ein manchmal nicht zu Ende gedachtes, schlecht fokussiertes Ergebnis ab, das zwar nie ins Mittelmaß abdriftet, aber gemessen an früheren Errungenschaften den Kürzeren zieht.

Anspieltipps:

  • Wille zum Untergang
  • For He That Wavereth…
  • The Almightiness Contradiction
  • The Grand Inquisitor III : A Tiny Grain Of Faith

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