John Watts - Morethanmusic - Cover
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John Watts Morethanmusic


  • Label: Smarten-Up/Rough Trade
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Muss ein Musiker noch vorgestellt werden, wenn er auf 30 Jahre Karriere zurückblicken kann? Wahrscheinlich, wenn er die komplette Zeit nur mit Straßenmusik verbracht hat, doch davon kann bei John Watts – auch bekannt als Fischer-Z - nicht die Rede sein. Seine inzwischen 17 Alben haben sich respektable zwei Millionen Mal verkauft und so hat der Brite auch die heiß geliebten Zahlen auf seiner Seite. Andere Zahlen bereiten dem Hörer in spe vielleicht schon eher Kopfzerbrechen, wenn das neue Album in gerade mal sechs Tagen eingespielt wurde. Natürlich wurde da anschließend noch brav im Studio gemastert, aber große Namen des Geschäfts wie Muse, die Red Hot Chili Peppers oder auch My Chemical Romance sitzen gerne bis zu einem Jahr in den Studios und werden sich die Zeit bestimmt nicht mit Pizza aus Pappschachteln, Alkohol und Karussellfahrten auf Bürostühlen verbracht haben.

Nach drei Jahrzehnten hat man wohl irgendwann einfach keine Lust mehr, nach dem Schema „F“ zu arbeiten. Das Alphabet hat schließlich noch weitere Buchstaben. Da wäre zum Beispiel „I“ für Improvisation und Innovation. Diese beiden Worte sollten die Standbeine für „Morethanmusic“ sein und Watts' bekannte Stimme mit neuen Ideen versorgen. Um es vorneweg zu nehmen, muss man sich um John Watts Stimme keine Sorgen machen. Hier gibt es keine Experimente oder Kompromisse. Er behält seine individuelle Erzählerstimmenqualität bei und wird so garantiert bei alteingesessenen Fans punkten. Ansonsten ist der Fan von Rock der ruhigen Sorte gefragt. Und wer gerne stilistische Querverweise auf die letzten Musikjahrzehnte hört, ist auf „Morethanmusic“ ebenfalls gut aufgehoben. Ein folkig angehauchter Mitsingrocker wie „Head On“ versucht sich nicht in ein neumodisches Gewand zu pressen, sondern genießt seine altbackene Elektronik, die sich mit Geigern, fast schon punkigen Gitarren und Watts in die Jahre gekommenen, aber immer noch charismatischen Stimme verbindet.

So abgedrehte Rockverweise gibt es noch einige auf dem Album und wie sich Watts zu so einem Soundkompott die Seele herausschreit, erinnert sich der ein oder andere an Neutral Milk Hotel. Hach, waren das noch Zeiten. Natürlich ist John Watts nicht so ungestüm und progressiv (oder auch gestört), aber selbst in „Delicate“ verbindet er glamouröse Bläser mit wilden Soli und einer Klanglandschaft, zu der auch noch Piano und Schlagzeug, sowie die Gitarren gehören, die kaum noch Platz für einen ruhigen Moment lassen. Jedes Lied, das sich der rockigen Schiene zuordnet wird unter Garantie mindestens einen Teil vorweisen können, in welchem die Freiheiten, die Watts sich und seinen Musikern ließ, zu hören sind. So unspektakulär oder auch eintönig einige Lieder zu Beginn auch wirken, so großartig wird man als Freund von verrückten Arrangements unterhalten. Überhaupt gefällt der dichte Soundmantel, der kaum ohne Bläser oder Piano auskommt und das Alter der Strukturen zumindest interessant umspielt.

Neben diesen ganzen, nicht ganz zeitgemäßen Rocksongs gibt es auch einen fairen Anteil an Balladen. Diese klingen mal nach mehr und versuchen wirklich pathetisch zu wirken („Obvious“), sind größtenteils aber doch ruhige, introvertierte Stücke, die sich von Watts beruhigendem Tonfall und einem Hauptinstrument lenken lassen („Perfect Timing“, „The Greatest Gift“). Auch in diesen Stücken vermisst man keinesfalls Soli, die immer ihren Weg finden und intelligent eingesetzt, anstatt manisch eingestreut zu werden. Gerade das jüngere Publikum wird Watts mit seinem Stil wohl nicht gewinnen können, wobei der Mann qualitativ nicht vor jungen Songschreibern den Hut ziehen muss. Noch ist Watts ein nicht unbedeutender Teil des Musikgeschäfts und gerade was seinen Mut zum großen Klang angeht, ohne sich anzubiedern, dürfen auch junge Musiker abgucken.

Anspieltipps:

  • Perfect Timing
  • The Wave
  • Obvious

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