Schiller - Lichtblick / Atemlos: Live - Cover
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Schiller Lichtblick / Atemlos: Live


  • Label: Island/UNIVERSAL
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Schatz für Schiller-Fans, die die „Atemlos“-Tour besucht haben.

Donnerwetter, da hat jemand aber auf den Putz gehauen. Mit „Atemlos: Live“ und der „Lichtblick EP“ gibt es ein Schiller-Deluxe-Paket. Das heißt zunächst einmal ein Silberling mit neun neuen Stücke, die unmittelbar an die Atemlos-Tour 2010 entstanden sind. Hinzu kommen noch eine Live-DVD der besagten Tour und eine zweite DVD, die den intimen Geheimgig im Heimathafen Berlin für die Nachwelt festhält. Außerdem gibt es mit „Ten More“ auch noch einen Kurzfilm von Philip Glaser obendrauf. Das ist mal eine saftige Tournachbereitung der Extraklasse.

Wenden wir uns jedoch zunächst den neuen Stücken zu. Schiller knüpft da an, wo er mit „Atemlos“ aufgehört hat. Eine knappe Dreiviertelstunde minimalistischer Ambient-Pop auf gewohnt hohem Niveau. Wie zu erwarten, gibt es überwiegend recht ruhige elektronische Klänge, die hier serviert werden. Überhaupt, große Überraschungen bleiben aus. Zwar müssen Überraschungen ganz sicher nicht immer sein, doch schleicht sich wiederholt ein Gefühl der Vorhersehbarkeit und in Ansätzen beinahe ein „Gedudel-Vorwurf“ ein. Dann und wann erinnert man sich fast an das letzte Wellness-Wochenende in der Provinz, wo man bei der im Preis enthaltenen Entspannungsmassage mit „Musik zum Träumen“ von der Stange berieselt wurde. Das ist natürlich ein völlig überzogener Vergleich, aber er macht vielleicht das Ambient-Dilemma ein Stück weit deutlich. Man droht als Hörer hier und da gedanklich abzuschweifen, ja sich nahezu zu verlieren und die Songs aus dem Blick zu verlieren. Das mag der eine als Schwäche interpretieren, der andere als klare Stärke.

Bei vier von neun Stücken gibt es die inzwischen obligatorische Unterstützung am Mikro, die in der Hauptsache durch die Tour-Sängerinnen erbracht wird. Und hier darf ruhig mal eine Lanze gebrochen werden. Nicht alle und jeder halten die Entwicklung hin zur gesanglichen Unterstützung bei Schiller für eine gute Entwicklung, doch hier sind die Stücke mit Stimme eindeutig die besseren Momente der Platte. Belege dafür sind etwa „Ghost“ mit Kate Havnevik am Mikrofon, oder „Innocent Lies“ mit Unterstützung von Anggun. Alles in allem liefert Schiller hier einen sehr ordentlichen, aber keinen atemberaubenden Arbeitsnachweis. Allerdings – und das muss man wirklich anerkennen – ist mit Blick auf die Abstände seiner Veröffentlichungen die Dichte der „Arbeitsnachweise“ in der Tat enorm. Der Mann scheint Freizeit für nicht allzu wichtig zu halten. Oder aber er sprudelt einfach über vor kreativen Ergüssen und kann gar nicht anders.

Doch „Lichtblick“ hält ja mehr bereit, als „nur“ neun neue Songs. Schiller war noch in diesem Jahr mit „Atemlos“ auf Tour und das wird hier ausgiebig und in hervorragender Bild- und Tonqualität am Beispiel des Konzerts in der Hamburger O2-Arena festgehalten. Dadurch passt dann auch der Titel „Lichtblick“ wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Denn die Musik von Christopher von Deylen erhält durch die aufwändigen Lichtkonzepte in der Live-Situation nochmals besonderen Schwung und eine ganz eigene Klasse. Außerdem gibt es Unterstützung von Livemusikern, die auch noch mal etwas Druck und Leben in die Songs bringen. Nun könnte man sagen, dass die „Lichtspielereien“ von gelegentlichen Schwächen der Songs ablenken sollen. Kann sein. Man könnte aber auch sagen, dass sie die Stimmung der Songs verstärken und das Gesamtkunstwerk erst komplett offen legen. Kann auch sein. Möglicherweise haben beide Punkte einen wahren Kern. Zur Entkräftung des ersten Vorwurfs hilft jedoch ein Blick in die DVD zum Secret Gig im Berliner Heimathafen. Gerade einmal ca. 100 Gäste und drei Mann auf der Bühne feiern hier in nahezu privater Atmosphäre zusammen. Keine Sänger und keine Lichteffekte – und es funktioniert trotzdem!

„Lichtblick“ ist vor allem ein Schatz für Schiller-Fans, die die „Atemlos“-Tour in diesem Jahr besucht haben und eine umfassende Erinnerung an das Live-Erlebnis im Regal und im CD-Player haben möchten. Für alle anderen Freunde elektronischer Musik ist „Lichtblick“ ebenfalls sehr nett, aber nicht unbedingt gänzlich unverzichtbar. Dennoch: mit „Lichtblick“ geht für Schiller-Fans ein gutes Jahr zu Ende. Doch Herr von Deylen ruht sich wohl tatsächlich nur ungern aus, und so steht bereits für Januar und Februar 2011 die nächste Tour mit ganzen 28 Terminen an. Sieht so aus, als würde auch 2011 ein gutes Schiller-Jahr.

Anspieltipps:

  • Ghost
  • Daylight
  • Innocent Lies

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