Coppelius - Zinnober - Cover
Große Ansicht

Coppelius Zinnober


  • Label: Fame/EDEL
  • Laufzeit: 60 Minuten
Artikel teilen:
7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Momente, in denen Härte und Instrumentation so manch gute Idee tot prügelten, bleiben die Minderheit.

Wertlos, unsinnig, unnötig – das ist das, was man im Volksmund dem Wort „Zinnober“ in der Regel als Bedeutung zuschreibt. Was hat man also von einer Band zu erwarten, die ihr eigenes Album so tauft? Oder ist vielleicht das gleichnamige Mineral gemeint, von dem die bekannte deutsche Redensart „etwas sei Zinnober“ abgeleitet ist? Bei beiden Ansätzen befindet man sich natürlich auf dem Holzweg. „Klein Zaches, genannt Zinnober“ ist auch eine Romanfigur von ETA Hoffmann. Und damit sind wir sofort bei der deutschen Band (Verzeihung - Musikgruppe) „Coppelius“ angekommen, die mit Klarinetten, Cello und Kontrabass ihren selbst erfundenen „Kammer-Core“ zelebriert. Und der klingt wie Metal vs Romantik und zitiert in der Bühnenshow (natürlich mit Butler und Herrenröcken) und Songtexten ausführlich das Werk des deutschen Literaten.

Das klingt in der Tat erst einmal reichlich verquer. Zaghafte Annäherungsversuche, der Band den Stempel „Mittelalter-Rock“ aufzudrücken, scheitern natürlich schon am Prinzip. „Romantik“ ist nun mal nicht „Mittelalter“ und ETA Hoffmann nicht Walter von der Vogelweide. Die Beschreibung Apocalyptica mit meist deutschen Texten und leichter Gothic-Prägung kommt der Wahrheit dagegen deutlich näher. Trotzdem funktionierte die durchaus originelle Idee in der Vergangenheit nicht immer – trotz handwerklichem Können aller Bandmitglieder fehlte es an mancher Stelle an der letztendlich entscheidend-genialen Idee, aus einem Durchschnittssong einen echten Hit zu machen. Da hilft auch die außergewöhnliche Instrumentation nicht.

Dass ausgerechnet „Zinnober“ das besser macht liegt wohl nicht zuletzt an der enormen live-Erfahrung, die die sechs Herren inzwischen für sich verbuchen können. Und somit klingt das neue Material tatsächlich in sich homogener und auch eingängiger als die früheren Werke – ohne dabei freilich den Metal-Einschlag aus den Augen zu verlieren. Dennoch wird diese neue Eingängigkeit wohl nicht nur Freunde finden. Denn Songs wie „Diener 5er Herren“ und „Gumbagubanga“ kommen tatsächlich ungewöhnlich simpel gestrickt daher. Für die Live-Atmosphäre werden Refrains mit dieser Mitsingtauglichkeit aber natürlich zuträglich sein.

Und dafür schwingen Songs wie „Der Handschuh“ und „Klein Zaches“ dann wieder die harte Metal-Keule – auf Kosten der Melodiösität. Allen kann man es wohl nicht Recht machen. Positiv fällt an dieser Stelle die Produktion auf, die den früher hin und wieder nervig schrammelnden Celli deutlich von ihrer übertriebenen Bissigkeit genommen hat, ohne sie zu handzahme Gitarren-Verter zu degradieren. Letztendlich ist es nicht zuletzt dieser kompakte Sound, den „Zinnober“ seinen Vorgängern ein gutes Stück voraus hat. Denn bei aller Innovation – so sehr unterscheidet sich das Songwriting nicht.

Also doch alles wie eh und je? Nicht ganz, denn die Momente, in denen Härte und Instrumentation so manch gute Idee tot prügelten, bleiben tatsächlich die Minderheit. Nummern wie „Nachtwache“, „Ein Automat“ und „Genghis Khan“ kombinieren sinnvoll Härte, musikalische Komplexität und Eingängigkeit – und erreichen genau die in der Vergangenheit öfters vermisste Balance. Die Kindheitskrankheiten scheinen Coppelius also endgültig auskuriert zu haben. Das neue Album ist alles andere als „Zinnober“ geworden.

Anspieltipps:

  • Diener 5er Herren
  • Gumbagubanga
  • Nachtwache
  • Ein Automat

Neue Kritiken im Genre „Mittelalter Rock“
7/10

Zirkus Zeitgeist: Live Aus Der Großen Freiheit
  • 2016    
Diskutiere über „Coppelius“
comments powered by Disqus