Ich+Ich - Gute Reise: Live Aus Berlin - Cover
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Ich+Ich Gute Reise: Live Aus Berlin


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 134 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

In den letzten Jahren hat das Projekt „Ich+Ich“ die deutschsprachige Popmusikszene aufhorchen lassen und landesweit eine ganze Reihe an Fans in Verzückung versetzt. Da hat die vermeintliche Ankündigung einer Auszeit möglicherweise beim einen oder anderen für etwas Nervosität gesorgt. Alles nicht so schlimm, denn schnell ließen „Ich+Ich“ verlauten, dass es sich nur um eine Kreativpause handelt und nicht etwa um das Ende der Kapelle. Die „Gute Reise – Tour“ wurde dann auch noch zu Ende gespielt und nun liegt quasi als vorübergehender Abschiedsgruß ein Livealbum zum Konzert in der Berliner Wuhlheide vor. Doch der Triumphzug geht in die Verlängerung. Für den Sommer 2011 sind bereits Zusatztermine anberaumt.

In „Gute Reise: Live aus Berlin“ gibt Adel Tawil mit Unterstützung einer zahlenmäßig recht umfassenden Live-Band mit 24 Songs einen breiten Überblick über die Songs der bisherigen Alben. Bei einigen Stücken kommt am Mikro noch Unterstützung von Mohammed Mounir, mit dem „Ich + Ich“ auch bei Stefan Raabs Bundesvision Songcontest mit dem Song „Yasemine“ an den Start gegangen sind. Cassandra Stehen, bekannt unter anderem von „Freundeskreis“ und „Glashaus“ hilft bei „Stadt“ aus und beim Song „Der Himmel soll warten“ springt dann auch Sido – ja, der mit der Maske – ein. In der Live-Situation mögen diese Gastauftritte für den Konzertbesucher durchaus ihren Reiz haben, doch angewiesen ist Adel Tawil darauf aber eigentlich nicht. Der „Ich+Ich“-Frontmann macht seine Sache nämlich auch außerhalb des Studios und über Konzertlänge ziemlich gut. Allerdings wünscht man sich manchmal schon, dass es nicht ganz so viele allzu sanfte und unnötig lange Ansprachen des Sängers gibt. Das ist manchmal schon etwas zu viel des gut Gemeinten.

An technischer Qualität gibt es jedoch im Grunde nicht besonders viel auszusetzen. Ein wenig anders sieht es dann jedoch beim Songmaterial aus. Die gute Nachricht: Es gibt praktisch alle Hits von „Einer von Zweien“, über „Pflaster“ und „So soll es bleiben“ bis hin zu „Vom selben Stern“ etc. Das wollen die Fans und das bekommen sie auch. Es wird mal wieder deutlich, dass „Ich+Ich“ starke Singles schreiben können. Die schlechte Nachricht: Es wird ebenso mal wieder überdeutlich, dass jedoch auch zahlreiche Stücke abgeliefert werden, die nicht unbedingt weiter stören, aber letztlich auch einfach herzlich egal sind. Das ist ein nicht weg zu diskutierender Makel, der auch live nicht behoben werden kann! Dennoch, wer die eindrucksvolle Kulisse der Berliner Wuhlheide ausverkauft, der macht offensichtlich etwas richtig. Und so ist es im Prinzip ja auch. Während „Ich+Ich“ in den schwächeren Momenten auch nicht besser sind, als bspw. die gruselig seichten Schmuserocker von Pur so müssen in ihren starken Momenten, Konkurrenten wie Xavier Naidoo, Grönemeyer, Juli, Nena etc. durchaus aufhorchen. Die bunte Liste der Referenzen macht deutlich, dass „Ich+Ich“ mit ihrer Musik so etwas wie einen breiten Konsens der deutschsprachigen Popmusik schaffen. Vom Schlagerfan bis zum Soulfan und Rocker können sich fast alle zumindest auf einzelne Songs einigen. Dieser Eindruck wird vor allem auch durch die Live-DVD in der Deluxe-Ausgabe offenkundig. Schaut man mal ins Publikum, dann lassen sich ohne große Schwierigkeiten mindestens drei Generationen und auf jeden Fall noch mehr Typen von Musikfans unter den Konzertgängern ausmachen. So viel Konsens tut der künstlerischen Klasse vielleicht nicht immer gut, aber respektieren muss man diese Leistung schon. Bei „Vom selben Stern“ im Zugabenteil gibt es dazu eine bezeichnende Szene, wie Adel Tawil im Flüsterton von der Bühne aus mit einem vielleicht sechsjährigen Mädchen in der ersten Reihe im Duett singt. Sänger und Kind – beide glücklich. Irgendwie ja schon reizend. Unterhaltung für die ganze Familie halt, mit allen Vor- und Nachteilen.

Man muss sich letztlich jedoch schon fragen, ob zwei Live-Alben in zwei Jahren unbedingt sein müssen. Das wäre berechtigt, wenn entweder die Live-Perfomance nicht einfach gut, sondern überragend ist und/oder das Songrepertoire ausnahmslos überwältigend ist. Da beides so nicht der Fall ist, bleibt „Gute Reise: Live aus Berlin“ letztlich eher was für die härteren Fans von „Ich+Ich“.

Anspieltipps:

  • Pflaster
  • El Kon
  • So soll es bleiben
  • Vom selben Stern

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