Steven Wilson - Insurgentes - Cover
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Steven Wilson Insurgentes


  • Label: Kscope/EDEL
  • Laufzeit: 75 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Zwei Jahre nach seinem Soloalbum „Insurgentes“ liefert uns Herr Wilson den dazugehörigen Film, der zunächst ein Making-Of sein sollte und dann doch ganz andere Züge angenommen hat. Es ist kein Konzert und auch keine Tourdokumentation, es ist ein Film, der auf einigen Filmfestivals aufgeführt wurde und sich nun auch den Weg ins private Wohnzimmer bahnt. Verantwortlich für den Streifen ist einmal mehr Lasse Hoile, der schon seit langem mit Steven Wilson und natürlich auch seiner Band Porcupine Tree zusammenarbeitet.

Der Film vereinbart drei unterschiedliche Aspekte: Eine Reise in die Vergangenheit, eine Reise in die Ferne und eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Dabei entsteht ein Bild vom Menschen Steven Wilson, wo er herkommt und wo er hin will. Er lässt uns Teilhaben an vielen persönlichen Erinnerungen, wir bekommen seine Schule, seine Eltern und sein Musikstudio No Man’s Land, das sich in seinem Kinderzimmer im Haus der Eltern befindet, zu sehen. Viel wichtiger noch, seine Überlegungen und Meinungen zur Musikindustrie, was es bedeutet ein Musiker im 21. Jahrhundert zu sein und natürlich zum Gut Musik selbst, seiner Form, Wertschätzung und Aufnahme.

Steven trifft einige Freunde und Musikerkollegen, spricht mit Ihnen über diese Themen, präsentiert bekommen wir aber nur einige Fetzen von diesen Gesprächen, nur das Essenzielle, das einen selbst zum Denken anregen soll. Überhaupt ist das Bild sehr zerstückelt und nicht chronologisch, dem Impuls der Kontraste und Gegensätze folgend, nicht anders als die Musik auf dem Album „Insurgentes“. Oft weiß man gar nicht wo sich unser Protagonist gerade befindet, ob er nun in Mexiko, Großbritannien, Israel oder anderswo auf der Welt unterwegs ist. Das ist der angesprochene Reiseaspekt, in gewisser Hinsicht ist der Film also ein Roadmovie, Steven besichtigt einige Ort, die ihn zu Reflexionen über Vergangenheit und Zukunft anregen und nutzt auch die Gelegenheit mit Musikern vor Ort zu sprechen.

Wie schafft man es die jüngere Generation auf seine Gedanken aufmerksam zu machen, sie stutzig zu machen damit sie versuchen die Beweggründe zu verstehen und selbst über gewisse Themen nachdenken? Steven hat sich einige Ipods vorgeknüpft und diese auf mehrere Arten zerstört, einige Videos davon hat er bei youtube online gestellt, als Anreiz für den Film. Natürlich ist dies kein Rachefeldzug gegen Apples mp3-Player, es ist eine symbolische Zerstörung der schlechten Musikqualität, der mp3-Kultur, die nun mal mit keiner Marke so tief verbunden ist wie dieser. Wer auf einer ordentlichen Stereoanlage ein gut produziertes Album gehört hat und dies mit einer entsprechenden Version als mp3 verglichen hat, wird den unglaublichen Unterschied kennen, auf einem mp3-Player mit den mitgelieferten schwachen Kopfhörern wird dagegen kaum jemand die Kluft erkennen.

Wieso bewegen wir uns beim Fernsehen in Richtung immer besserer Qualität und bei Musik in die gegenläufige Richtung? In Zeiten des schnellen Internets und Flatrates sollte sich Musik ebenso wie Film an High Definition orientieren. Die CD ist ja auch nicht das Maß der Dinge. Der Porcupine Tree Frontmann sieht das Internet als Möglichkeit des direkten Kontakts zwischen Künstler und Empfänger, das Erreichen von Menschen ohne den Umweg über die Plattenindustrie, aber gleichzeitig als etwas, was Musikalben als solches wertloser gemacht hat, wofür die Leute kein Geld mehr ausgeben möchten. Denn musste man sich früher genau überlegen für welches Album man sein Geld ausgibt und darin seine Zeit investiert, ist heute die ganze Diskografie einer Band nur einige Mausklicks entfernt. Diese downloaden, mal eben reinhören, als schlecht abstempeln und wieder löschen ohne sich damit genügend zu befassen ist einfacher denn je.

Musik wird leider vermehrt als reines Verkaufsprodukt bzw. Konsumgut gesehen und der künstlerische Aspekt, das audiovisuelle Zusammenspiel aus Musik und Booklet, das Herzblut das jeder richtige Musiker rein steckt, oft vergessen. Mit richtigen Musikern sind jene gemeint, die sich dazu berufen fühlen, die Musik der Musik wegen kreieren, damit ihre eigene Persönlichkeit nach außen tragen und nicht rein an Kompatibilität mit Normen und Verkauf denken, vor allem aber nicht all die den Castingshows entsprungenen „Talente“, die in fertige Formeln rein gepresst werden, die zu Superstars stilisiert werden, denen das berühmt sein wichtiger ist als die Musik. Wilson lacht darüber, dass früher die Musikindustrie Bands zusammengestellt und sie als echt hingestellt hat, heute aber offen im Fernsehen gezeigt wird, dass diese Bands ein absoluter Schwindel sind und die Leute es trotzdem kaufen.

Wie verkauft man viermal ein und dasselbe Album an eine einzige Person? Steven zählt durch: als Vinyl, als CD, als Remaster-CD und als Definitive Edition Mini LP Replica. Das schlimme daran ist, dass heutzutage Remastering lediglich darin besteht die Lautstärke eines Albums anzuheben, so lässt sich leicht Geld verdienen. Abgesehen davon versuchen viele Bands sich mit der Lautstärke ihrer Alben zu übertrumpfen, der sogenannte „loudness war“, dessen trauriger Höhepunkt „Death Magnetic“ von Metallica war, übersteuert und übersät mit Clipping, als ob nicht jeder einen Lautstärkeregler an seiner Stereoanlage hätte.

Auch als Kritiker wandelt man ab und an auf einem schmalen Grat, besonders wenn ein Album einem nicht gefällt. Wann ist die Grenze der Sachlichkeit verlassen und wann beleidigt man ungewollt den Musiker? Ist es nur die eigene Unfähigkeit die Musik zu verstehen? Vom eigentlichen Thema abzukommen und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen ist bei dieser Filmbesprechung unumgänglich, aber wann bekommt man die Chance dies in einer Kritik besser unterzubringen, als bei „Insurgentes“, einem Film, der sich mit dem Thema der Musik und ihrer Probleme im 21. Jahrhundert beschäftigt? Schön, dass ein Vollblutmusiker, ein wahrer Künstler, sich solche Gedanken macht und diese offen anspricht, aber schaut den Film selbst und bildet euch eure eigene Meinung.

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