Capri Di Rote Quintett - Narkoleptik - Cover
Große Ansicht

Capri Di Rote Quintett Narkoleptik


  • Label: Blue Pearl/INDIGO
  • Laufzeit: 58 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Neben der Gruppe feldneun veröffentlicht auch das Capri di Rote Quintett vom Hamburger Label Blue Pearls Music ihr zweites Album. Das Quintett zelebriert darauf Kompositionen, die dem Hörer einiges abverlangen, wobei schon das CD-Cover andeutet, wohin die Reise gehen soll: Weg vom auf einen Zahnstocher aufgespießten Käsestückchen bei einer Stehparty, hin zu einer Skulptur aus verschiedenen Zutaten, die eben auf Zahnstocher aufgespießt werden und die nach einem eher unübersichtlichen System verbunden sind.

Das liest sich freilich recht abstrakt. Doch schon bei „Doctor Z“ wird deutlich, wie nah hier Musik und visuelle Darstellung beieinander liegen. Die ersten 1:20 Minuten wird ein dissonantes Durcheinander auf den Zuhörer losgelassen. Dies dürfte auf der einen Seite die Avantgardisten der New Yorker Downtownszene begeistern, auf der anderen Seite hätte Mark Patton (Fantomas, Mr. Bungle, etc.) seine Freude an dem Chaos. Hört man diese Passage jedoch mehrfach, kristallisieren sich Instrumente heraus, die ein Klangbild ergeben, das der Hörer zu sortieren und zu verarbeiten hat. Bezogen auf das Coverbild ist der Zuhörer quasi der Zahnstocher, der sich die musikalischen Teile zusammenbauen darf.

Einfacher wird es dann in den nächsten Sekunden, denn das Klavier spielt einen Jazzstandard herunter, dass man glauben könnte, es würde nun Ordnung ins Chaos kommen. Doch weit gefehlt… Plötzliche Kakophonieangriffe machen die klangliche Idylle immer wieder zunichte. Erst nach zwei Minuten entspinnen sich Strukturen, die dem gewöhnlichen Jazzpublikum schmecken könnten, stecke der Teufel nicht im Detail. In punkto Rhythmik wird eine Komplexität an den Tag gelegt, die das ungeschulte Ohr schlicht und einfach überfordert. Spielt das Schlagzeug einen simplen Dreivierteltakt, garniert mit giftigen Breaks, wird dies ergänzt mit Bläsern, die den Dreivierteltakt hindurch ziehen. Ein hartes Stück Arbeit für die Ohren, dass aber voll und ganz zu überzeugen weiß.

Mit „Grün hinterm Horn“ (die Titel lassen grundsätzlich genug Spielraum für Interpretationen), schicken Capri di Rote Quintett die Musik auf eine weite Reise. Zu Beginn suggerieren Gitarre und Trompete ein mexikanisches Flair ins Ohr, das allerdings sehr bald Richtung Texas wandert und deutliche Cowboy-Reminiszenzen liefert. Urplötzlich sind schräge Klänge zu vernehmen, die an einen deutschen Karnevalszug erinnern. Das Ganze wird wie gehabt rhythmisch wie melodiös sehr schräg dargeboten. Danach scheint dem Stück etwas die Luft auszugehen, denn was hier fast vier Minuten lang sehr leise zu hören ist, würde auch in den wenigsten Kaufhäusern der Weltmetropolen als Aufzugmusik auffallen. Dieser Aufzug endet offensichtlich in Paris, denn nun werden mehr als deutlich französische Musikthemen aufgenommen, allerdings schert sich die Rhythmusfraktion nicht viel darum und schraubt das Tempo hoch. Bis auf kleine Schwächen im Mittelteil ein ebenfalls lohnenswertes Stück Musik.

Nach einem schwächeren Mittelteil mit „Narkoleptik“ und „Radio November“, bei dem der Band die Puste auszugehen scheint, präsentiert sich „Großer Walzer“ wieder deutlich besser. Nach einem schwungvollen Bebopklaviersolo fügt sich das Schlagzeug harmonisch ein, bis die Bläser dies wieder zunichte machen, indem sie die Themen der anderen Instrumente durchschneiden. Bis auf das Klavier scheinen alle Instrumente ihr Thema aus den Augen zu verlieren und sich auf neue Anhaltspunkte konzentrieren zu wollen. Doch immer wenn dies der Fall zu sein scheint, wird es wieder demontiert und der gerade gebotene Halt verliert sich. Erst nach 7:30 Minuten, als die völlige Desorientierung sich schon ausgebreitet hat, entwickelt sich wieder eine Melodie, die sich bis zum Schluss durchhält.

Für Verwunderung dürfte der Titel „Au + Hu“ sorgen, zum Einen, weil er im Gegensatz zum vorherigen Stück lange dem Walzerrhythmus verschreibt, zum anderen, weil zumindest auf deutsch Buchstaben fehlen, die daraus Wörter entstehen würden. Ansonsten ist der Song nach drei Minuten ein Paradebeispiel wie nah und doch so fern die verschiedenen Jazz-Spielarten, die samt und sonders durchexerziert werden, den ungeübten Hörer überfordern. Für die anderen ist es ein spannendes Stück Musik, dass erforscht werden will.

Ein besonderes Stück Musik hat das Quintett allerdings an den Schluss gesetzt. Würde „Auf & durch & zu“ aus dem Metal kommen, hier würde eine Mischung aus Doom und Progressive Metal als Genreeinordnung passen. Doch hier handelt es sich um Jazz und Doom Jazz wurde seltsamerweise noch nicht erfunden. Leise, bedrohlich und schwermütig fließen Klaviersounds aus dem Lautsprecher, anfangs zart vom Schlagzeug, später von der Trompete ergänzt, entsteht so eine sehr seltsame Stimmung, die jeder für sich erst einmal verarbeiten muss. Dabei hilft allerdings auch nicht das deutliche Crescendo und wenn der Metal-Fan eine Doublebass-Attacke erwarten würde, setzen dem die Hamburger konsequent die Stille entgegen, mit der das Album dann behutsam ausklingt. Fazit: Ein gewagtes Jazzexperiment, welches sicherlich viele Freunde windet, allerdings mindestens genauso viele mit der Experimentierfreude und Komplexität schlicht und einfach überfordert.

Anspieltipps:

  • Doktor Z
  • Grosser Walzer
  • Auf & Durch & Zu

Neue Kritiken im Genre „Jazz“
Diskutiere über „Capri Di Rote Quintett“
comments powered by Disqus