Polarkreis 18 - Frei - Cover
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Polarkreis 18 Frei


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 36 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit den ersten Tönen von „Unendliche Sinfonie“, der ersten Singleauskopplung des neuen Polarkreis-18-Albums konnte es nur zwei Reaktionen bei den Hörern geben. Entweder war man ganz aus dem Häuschen, dass die Dresdner artig auswendig gelernt haben, wie man Hymnen à la „Allein Allein“ fertigt oder man war grenzenlos entsetzt. Tatsächlich findet man entweder großes Lob vor, welches sich auf den wieder einmal bombastischen Sound bezieht oder man liest von schrecklich kitschigen Auswüchsen, die sogar an den selbsternannten Pop-König Dieter Bohlen erinnern. Gerade bei einer Band wie Polarkreis 18 ist es schwer Verfechter und Verächter der Band auseinander zu halten. Erinnert man sich gute zwei Jahre zurück, entstand nach der eingängigen Nummer-Eins-Single „Allein Allein“ ein Streit um eine deutsche Gruppe, wie es sonst nur Bill Kaulitz und die weiteren Bewohner des Tokio Hotels schaffen.

Klären wir zuallererst dir Fronten. Den Dresdner Kitsch vorzuwerfen ist kein schlagkräftiges Argument, da die Band seit „Stellaris“ auf ihrem ersten Album für pompöse Emotionen bekannt sein sollte. Ganz anders sieht es mit der Kritik an fehlenden Experimenten aus. Während sich das Debüt noch des Überraschungseffekts erfreute und mit „Look“, Dreamdancer“ noch Lieder produzierte, die nicht nach der Nase des Radiohörers funktionierten, war „The Coulor Of Snow“ ein gewaltiger Schritt Richtung Massenkompatibilität. Außer dem wiederum neuen Größenwahnsinn durch viel orchestrale Musik lieferte das Album nicht viel Neues. Das Hauptindiz war die poppige Eingängigkeit, die sich auch in „Unendliche Sinfonie“ in Strömen wieder finden lässt. Der Einstieg in das Album mit der recht ähnlichen und nicht weniger opulenten Hymne „Frei“ bestärkt die Ängste der Kritiker und setzt sich, so viel sei verraten, permanent durch.

Das von vornherein bombastische „Frei“ und der winterlich klingende Kracher „All That I Love“ ummanteln die Vorab-Single „Unendliche Sinfonie“ in einer derart großen Art, dass man nur zwei Schlüsse ziehen kann. Ein Mittelmaß-Blender folgt dem nächsten oder hier wird ein richtig starker Start hingelegt. Kritiker werden jetzt schon die Buh-Rufe beginnen, denn „Unendliche Sinfonie“ ist nichts Anderes, als ein „Allein Allein“-Update. Stimmung und Aufbau sind nahezu identisch und so ist den Dresdnern wieder eine richtig gute Nummer gelungen, wobei eine Selbstkopie nicht der Anspruch sein kann. Dann doch lieber die überlebensgroßen Fortissimi in „All That I Love“, die in Kontrast zu den lieblichen Strophen stehen oder das Thema vorgebende „Frei“, welches zumindest in Sachen Stimmung frischer als die Single wirkt. Eines sollte nach diesen drei Liedern bereits klar sein: Wer sich nach vertrackten und verschachtelten Elektro-Songs sehnt, der ist bei Polarkreis 18 endgültig an der falschen Adresse. Hier gibt es eine gute halbe Stunde Popcorn-Entertainment mit Lasershow und jeder Menge Special Effects.

Zu viel des Guten wird es jedoch in „Deine Liebe“, das eindeutig nach den Hochzeiten Modern Talkings klingt. Das muss nicht sein und ist des Synthie-Wahnsinns auf „Frei“ dann wirklich zu viel. Dann doch lieber zumindest angedachte Experimente wie in „Evergreen“ in Form von verschobenen Melodien und Elektronik, die nicht ausschließlich nach Zuckerwatte schmeckt. Auch „Letting Go“ deutet besonders im Schlussteil Rock an, auch wenn das Stück insgesamt zu glatt daherkommt und Mittelmaß darstellt, das nicht im Ohr bleibt. „Small Space Between“ ist eine geradezu dreiste Kopie von „Untitled Picture“ vom letzten Album. Und zusammen mit „Unendliche Sinfonie“ und „Elegie“ muss man sich ehrlich fragen, wie lange Polarkreis 18 noch an ihren geradlinigen, immer gleichen Albumstrukturen festhalten wollen. „Elegie“ ist für sich allein jedoch ein mehr als lohnendes Klangerlebnis. Minimalistische, düstere Ballade, dann Pop-Oper und zu guter Letzt noch ein Hauch dunkle Elektronik. Alles passt, nichts klingt verbraucht oder kurzlebig.

Der Rest des Albums muss sich bei einer Durchschnittslänge von etwas mehr als drei Minuten pro Lied jedoch den Vorwurf der begrenzten Haltbarkeit vorwerfen lassen. Die Tracks sind außer „Deine Liebe“ allesamt keine Ausfälle. Zwar sind „Letting Go“, „Dark And Grey“ mehr Schein als Sein und auch „Sleep Rocket“ ist nur dank der guten Melodie nicht im bloßen Mittelmaß, aber Polarkreis 18 scheinen ganz offensichtlich seichte Popfans ansprechen zu wollen und für diese zaubern sie einige hochklassige Nummern raus, die unkompliziert und wunderschön aus den Boxen klingen. Da fröstelt der erste Schnee gleich noch angenehmer. Den Ausverkauf muss man jedoch ebenso ansprechen und dass ein Album durchaus die eine oder andere Überraschung vertragen könnte.

Vielleicht sollten Felix Räuber und seine Mitmusiker von ihrer Wolke kommen und anstatt gleich Schubert zitieren zu wollen sich wieder an ihre Anfänge beginnen. Da war Blurs „13“ die Inspirationsquelle. Warum? Weil man aus Pop so viel machen konnte! Ist dieser Entdeckergeist wirklich schon gewichen? Man will es nicht hoffen, denn langsam strudelt die einstige Musikhoffnung Deutschlands ins Niemandsland der Mainstreampopmusik.

Anspieltipps:

  • Frei
  • All That I Love
  • Elegie

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