Tu Fawning - Hearts On Hold - Cover
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Tu Fawning Hearts On Hold


  • Label: City Slang/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Die famosen Tu Fawning ringen um die Krone des besten und spannendsten Indie-Rock-Albums des Jahres.

In einem ewig alten Rolling-Stone-Interview beichtete Tom Waits mal inzwischen dem metropolitanen L.A. abgeschworen zu haben, freigeistig mit Familie auf dem kalifornischen Land zu leben, nur recht selten ins nächste Städtchen zu schauen und gut und gerne einmal im Monat im ausgewählten Plattenladen seiner Wahl vorbeizuschauen und seinen vertrauenswürdigen Dealer zu fragen: „Was gibt’s Neues, was hast du für mich, was muss ich mir unbedingt anhören?“

Die unumstößliche Antwort seines Freundes und Versorgers müsste demnächst lauten: Tu Fawning. Im wahrsten Sinne des Wortes mit Pauken und Trompeten schlängelt sich dieses Quartett aus Portland, Oregon mit einem inkommensurabel starken Debüt voller gespenstischer Harmonien und antiquiertem Sound in die Gehörgänge. Kompositorisch überragend, dramaturgisch äußerst gekonnt und von einem künstlerischen Wert, wie ihn Pop-Musik nur sehr selten zum Ausdruck zu bringen vermag, ist „Hearts On Hold“ wie eine Reise in weit entfernte Gebiete, unentdecktes Land, wüstenähnliche Weiten und polarkalte Endweltgegenden. Jeder Song an seinem wohlüberlegt rechten Platz, jeder Instrumenteneinsatz wohltemperiert und gezielt legen Corrina Repp und Joe Haege, die gleichberechtigten Köpfe von Tu Fawning, all ihre kreativen Erfahrungen in einem Topf, die sie bei, unter anderem, den in Portland gefeierten 31 Knots und jene andere Indie-Band deren Album gerade allzu reichlich Magie versprüht, Menomena, bei denen Haege Bestandteil der Liveband ist, und rühren kräftig um. Multi-Instrumentalisten Toussaint Perrault und Liza Rietz komplettieren ein Aufgebot, welches spielend leicht vermag den Einsatz von Piano, Drums, Pauke, unendlich weitere Percussions, Gitarre, Samples, Trompete, Posaune, Gitarre Piano, Violine und Gesang harmonisch klingen zu lassen.

Nach dem altbewerten Grundsatz gute-Alben-fackeln-nicht-lange sticht „I Know You Know“ derart fulminant in den zu erobernden Herzensraum, das keine weiteren Fragen offen bleiben: bedrohlich kündigt ein Sing-Sang im Call-and-Response-Modus eine irre Achterbahnfahrt aus Intensität, Gejaule und träumerischer Undurchdringlichkeit an, die sich im Refrain eruptiv Bahn bricht. In Falsett-ähnlichen Höhen weiß Sänger Joe Haege zu zementieren: „I know you know/I know you know/I know you know that I won’t forget you“. Im Weiteren umtänzeln minimalistische Chöre schlafwandlerisch komplexe Popsongs, die mit einer Schar aus Perkussionsinstrumenten, Trompeten, Pianos und spärlichen Gitarrengebrauch in musikalisches Gold gegossen werden; das Uh-uh-oh’s und Oh-oh-uh-oh’s so absolut schön, angebracht, notwendig und richtig klingen können hatte man fast schon vergessen, denn was „The Felt Sense“ und „Diamonds“ mit diesen simplen Stimmeinsätzen und einer quasi impressionistischen Songstruktur für ein Gefühlsmeer zu öffnen im Stande sind, grenzt an Verzauberung. Kuhglocken, Kastagnetten, Rasseln aller Coloeur, Schellen und diese manisch simplen und deshalb schönen Hintergrundchöre: sie sind das Salz in der Suppe Tu Fawnings. Das Piano trägt indes nicht nur „Diamonds“ in ungeahnte Höhen, auch „Sad Story“ pulsiert vaudevillesque in Dresden-Dolls-ähnlicher Manier um einen kräftigen Schlagzeug-Takt herum, nur um urplötzlich in einem pfeilscharfen Rockriff aufzugehen, dass nichts als staunend macht und sofort von Trompeten in Pianogefilde zurücktransferiert wird. Soghaft entwickelt „Hearts On Hold“ seinen Zauber.

Einen Zauber, der auch mit den leisere Töne anschlagenden „Apples“ und „Mouths Of Young“ nicht verglimmt. Und wieder: Schellen, Rasseln, Rhythmen, Rhythmen und noch mal Rhythmen, gepaart mit diesen simplen Chören. Alpdruckartiges Grollen naht mit „Hand Grenade“; eine auf Harmonium getrimmte Orgel wird dabei Stück um Stück in friedlichere Gefilde zurückgeschifft. „Multiply’s“ karge Trompete in Verbindung mit garstig-gruseligen Chören lassen anschließend endgültig gewahr werden: auf „Hearts On Hold“ passiert etwas Außergewöhnliches. Ein in ruhigeren Fahrwassern dahintreibender Ausklang („Lonely Nights“, „Just Too Much“) vollenden eine musikalische Reise die wahrscheinlich genau die war: just too much.

Musikalisch gesehen geht das Jahr mehr als gut los. Die famosen Debütanten Tu Fawning aus Portland, zusammen mit den in enger Verbindung stehenden Tausendsassa von Menomena, teilen sich derzeit nicht weniger als die Krone der besten und spannendsten Indie-Rock-Alben.

Anspieltipps:

  • I Know You Know
  • The Felt Sense
  • Sad Story
  • Diamonds
  • Multiply
  • Mouths Of Young
  • Apples

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