Helrunar - Sol - Cover
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Helrunar Sol


  • Label: Prophecy Productions
  • Laufzeit: 93 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Donnergrollen, Wasser in einer Tropfsteinhöhle, ein unheimlicher Keyboardteppich und eine männliche Stimme, die den Zuhörer mit „Es geschah heut Nacht...“ anspricht. So beginnt die erste Hälfte des neuen Konzeptalbums „Sól“ von Helrunar am „Gefrierpunkt“.

Die Pagan Black Metaller aus Münster bezeichnen das textliche Gesamtkonzept als „kulturmythisches Psychodrama“. Gerade mit mythischen Bildern, aber auch mit poetischen Umschreibungen einfacher Begriffe macht es die Band den Hörern nicht gerade leicht. So auch am Schluss von „Gefrierpunkt“, als es heißt „… und wird Dorn“. Wer oder was Dorn ist, bleibt der Interpretation des Hörers überlassen. Diese Interpretationsfreiheit durchzieht das Album, mit Absicht, wie Sänger Skald immer wieder in Interviews betont.

Mit „Kollapsar“ (laut Lexikon ein in sich zusammenfallendes Objekt, in der Astronomie Sterne) zeigen sich die Musiker von ihrer besten Black-Metal-Seite. Während sich viele Black-Metal-Bands durch brutal schnelle Melodien und Kreischgesang auszeichnen, wählt diese Band eine andere Herangehensweise. Rauschen einige Passagen im Doublebass und Highspeed-Gitarrengewitter durch, durchbrechen immer wieder ruhige, fast doomige Passagen das Inferno, welches Skalds dunkler kehliger Gesang perfekt ergänzt. Am Ende wird überraschend eine Passage, welche aus einem Tagebuch zu stammen scheint und entsprechend den ersten Tag umschreibt, gesprochen. Diese gesprochenen Passagen tauchen immer wieder auf, sowohl auf „Dorn im Nebel“ als auch „Zweige der Erinnerung“, und bilden das Gerüst für die dramatische Handlung. Dabei ist auffällig, dass die Tage scheinbar nicht chronologisch nacherzählt werden, was von Sänger Skald mit Zahlenmystik begründet wird.

„Dorn im Nebel“ bedient musikalisch vorrangig den Black-Metal-Fan, der sowohl vor sehr ruhigen Passagen wie bei „Unter dem Gletscher“ oder „Tiefer als der Tag“, als auch vor gewaltigen Blast-Attacken wie in „Nebelspinne“ keine Scheu haben sollte. Der Hörer wird von den Münsteranern auf eine düster und harte, mitunter sehr anstrengende Reise nach einer wie auch immer gearteten Katastrophe und den damit einhergehenden Kampfes um und mit sich selbst mitgenommen. Doch nicht nur „Fragmente“ führen zum „Ende 1.3“. Im gesprochenen Outro, bei dem das Tropfen vom CD-Beginn schon zu einem Fließen geworden ist, heißt es schließlich, „Deshalb kann nicht siegen was verhärtet ist“ und leitet weich zum zweiten Teil des Konzeptalbums über, die musikalisch wie textlich eine deutliche Wandlung im Drama bildet.

Neben Black Metal kommen auf der zweiten CD auch musikalische Elemente zum Vorschein, die man vielleicht nicht von einem solchen Album erwarten würde. Selbst Prog-Rock/Metalfreunde werden am zweiten Silberling ihre Freude haben. Vor allem die Variabilität der jeweils zehnminütigen Songs „Aschevolk“, „Rattenkönig“ und „Sól“ sollte jedem Skeptiker zeigen, dass Helrunar mehr als das bloße Prügeln auf ihre Instrumente auf Lager haben.

Eine Verortung, wo das Geschehen spielen soll, wird dem Hörer nicht geboten. Allerdings gibt es hier und da Anspielungen. So bei „Europa nach dem Eis“ wo explizit das russische Atomtestgebiet von Novaja Semlja genannt wird. Inhaltlich verschiebt sich der Schwerpunkt in Richtung einer gesellschaftskritischen Betrachtung der postapokalyptischen Ausgangsposition. Nebenbei gibt es bei der durchgehend hervorragenden CD-Produktion bei „Aschevolk“ den einzigen vermeintlichen Fehler, der sich allerdings als produktionstechnisch wirksamer Effekt erweißt. Nach ca. acht Minuten wird der Sound sehr dumpf und immer leiser. Nach einem Break wird dann der Song zumindest einige Sekunden mit einem ruhigen Part fortgesetzt. Doch dann geht es kraftvoll wie zuvor weiter. Das Durchwandern einer Nebel- oder Aschewand so zu vertonen dürfte selten so wirkungsvoll gelungen sein.

Zum Ende eines durchgehend musikalisch, soundtechnisch und textlich hochwertigen Albums, sticht mit „Sól“ buchstäblich die Sonne durch. Im fast elfminütigen Closer vermischen Helrunar noch einmal alle Elemente, die das Album bereits jetzt zu einem Anwärter auf Platz eins der Black-Metal-Veröffentlichungen in diesem Jahr machen. Druckvoll brettern Drums und Gitarre vier Minuten als ob es kein Morgen gibt. Dazu schildert Sänger Skald Draugir einen Sonnenuntergang, der der Letzte sein könnte. Nach einem ruhigen Part folgt noch ein sehr schönes und ausgesprochen melodiöses gut fünfminütiges Gitarrensolo, das im Kontrast zu dem trostlosen Textende steht.

Ein rundum gelungenes Album, bei dem auch dem Black Metal abgeneigte Hörer ein Ohr riskieren sollten, denn das Gesamtwerk aus Musik und Text entwickelt einen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann.

„Sól“ erscheint sowohl als Doppelalbum inklusive eines 50-seitigen Booklets mit allen Texten und vielen Bildern, als auch in Form von zwei einzeln erhältlichen CDs, was Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um ein Gesamtkunstwerk handelt, sicher nicht die Ideale Variante darstellt.

Anspieltipps:

  • Gefrierpunkt
  • Nebelspinne
  • Aschevolk
  • Sól

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