Marianne Faithfull - Horses And High Heels - Cover
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Marianne Faithfull Horses And High Heels


  • Label: Naive/INDIGO
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer wie Marianne Faithfull den Status der Grande Dame erreicht hat, muss niemandem mehr etwas beweisen, außer sich selbst. Dass in der beinahe 65-jährigen immer noch der revolutionäre Geist der 1960er weilt und sie sonst was auf Etiketten wie „Grande Dame“ gibt, verdeutlicht ein Erlebnis, das Max Dax mit ihr im protzigen Pariser „Hotel Costes“ hatte. Dort ignorierte sie das Rauchverbot und aschte in ein mit Kaffesahne gefülltes Kännchen aus schwerem Hotelsilber. Auf ihren Stimmbändern hat sich die Patina der vergangenen Jahrzehnte abgelegt. Das ganze Programm mit Alkohol, Zigaretten, Drogen, das sie in den Abgrund blicken ließ, um schließlich mit „Broken English“ 1979 ein triumphales Comeback zu feiern. Nicht zu vergessen, dass sie eine ganz hervorragende Schauspielerin abgibt. Sie verkörperte sowohl Gott als auch den Teufel und schlüpfte ebenso überzeugend in die Rolle der Sexarbeiterin, wo sie für Höhepunkte der besonderen Art sorgte. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt war „Strange Weather“ im Jahre 1987. Nach einem Brecht/Weill-Album erschien 1999 „Vagbond Ways“, seit dem veröffentlicht sie in schöner Regelmäßigkeit alle drei Jahre ein neues Album.

Wie ein roter Faden ziehen sich die wiederkehrenden Kollaborationen mit herausragenden Musikern und Songwritern durch ihr Spätwerk. Auf dem vorliegenden „Horses And High Heels“ war der Ausnahmegitarrist Doug Pettibone ihr kongenialer Partner, er hat an vier der 13 Songs mitkomponiert und das Album mit seinem unvergleichlichen Gitarrenstil veredelt. Nicht zuletzt deswegen klingt „Horses And High Heels“ geschlossener als die vorangegangene Werke, deren Qualitäten vorwiegend in der Einzigartigkeit der Interpretation und der gesanglichen Leistung zu finden waren, die naturgemäß auch hier zu hören sind. Hal Willner, der bereits „Strange Weather“ und „Easy Come Easy Go“ produziert hat, überführte auch dieses Album in eine schlüssige, kunstvolle Form.

Marianne Faithfull macht sich auch auf „Horses And High Heels“ fremde Songs zueigen, insbesondere wird auf Material der 1960er und 1970er zurückgegriffen, darunter Jackie Lomax’ „No Reason“ und Lesley Duncans „Love Song“ (bekannt durch Elton John) oder die King/Goffin-Komposition „Goin’ Back“, die vielen in der Version der Byrds oder Dusty Springfields noch im Ohr sein dürfte. Aber auch aktuelles Material wird gecovert. Der atmosphärische Opener „The Stations“ stammt von The Gutter Twins, einem Projekt von Mark Lanegan und Greg Drulli. Oder das wunderschön vibrierende „That’s How Every Empire Falls“ von R.B. Morris, hörenswert auch in der John Prine Version. Die Fremdinterpretationen sind sozusagen das starke wie auch bewegliche Fundament, die Eigenkompositionen bauen das Gebäude und dekorieren die Zimmer. Zusammengehalten vom Architekten (Produzent) Hal Willner, Marianne Faithfulls Stimme und Doug Pettibones außergewöhnlichem, immer songdienlichen Saitenspiel.

Die ausschmückenden Details sind die immer wiederkehrenden, allerfeinst gesetzten Streicherarrangements (Dr James P. Walsh & Mark Bingham), Bob Andrews feinfühliges Tastenspiel und Gastauftritte von Jenni Muldaur, Mac Rebbenack und Lou Reed. Der Titelsong wird schließlich zum Herz- bzw. Schmuckstück des imposanten Gebäudes, das zur Wohnung schrumpft: „I lived in a flat in Ballsbridge / And at two in the morning I’d hear / The sound as the horses came back from their work / And the horses clip-clop coming near“ heißt es im Titelsong, der einerseits an Patti Smiths „Horses“, andererseits an Van Morrisons „Madame George“ mahnt. Letzteren hat Faithfull auf dem 1994er Van Morrison Tribut-Album und als Single (mit der Zeile „Clicking, clacking of the high heeled shoe“) veröffentlicht. Das Klacken der Pferdehufe und der High Heels als weitreichende Symbolik. Aristokratie, Revolution, Sucht, Sex, Wut und Emotion sind der spirituelle Mix dieser Grande Dame widerwillen, die keinen Hehl aus ihrer Vergangenheit macht. Marianne Faithfull knüpft mit ihrem neuen Album das Band zu ihren Meisterwerken „Broken English“ und „Strange Weather“, inwiefern es mit diesen mithalten kann, wird erst die Zukunft zeigen. Im Hier und Heute lebt es sich mit der neuen Faithfull Platte ganz vorzüglich.

Anspieltipps:

  • The Stations
  • That’s How Every Empire Falls
  • Prussian Blue
  • Horses And High Heels

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